Dienstag, 16. September 2014

Die Rolle Tesaband (meine heutige Glosse in der "Tagespost")



Die Rolle Tesaband

Ein kluger Kopf hat in den Wochen vor dem letzten Konklave einmal gesagt, man sollte den Kardinälen zusammen mit der Einladung zum Konklave eine große Rolle Tesaband schicken. Damit sie sich ihren Mund verkleben können und nicht in Versuchung geraten, sich medial über die kommende Papstwahl zu äußern. Damit Stille herrscht, man keine falschen Erwartungen weckt und der Heilige Geist in Ruhe arbeiten kann. 

Fast ist man derzeit versucht, die Rolle Tesaband im Vorfeld der Familiensynode wieder hervorzukramen. Und sie in einer Massenaussendung an alle zu versenden, die es für angemessen halten, im Vorfeld dieser Versammlung über die Massenmedien ihre Wünsche, Träume und Erwartungen zu verbreiten, um vorab die Deutungshoheit zu erlangen. Das ist bedenklich. 

Erstens erhöht sich der mediengetriebene Erwartungsdruck auf eine Veranstaltung, die eigentlich in Ruhe einen Blick nach vorne in der Familienpastoral erlauben soll. Wehe, wenn die „heißen Eisen“ nicht alle nach den Vorstellungen des Publikums gelöst werden.

Zweitens reduziert man durch Einengung einzig auf die „heißen“ Topics die Familienproblematik erheblich und vertut damit die Chance, der Familie in einer zunehmend säkularen Welt die beste Chance zu geben. 

Und drittens erwecken manche medialen Einwürfe leider den Eindruck, es werde „Wahlkampf“ bei den eigenen „Schäfchen“ betrieben – anstatt in einer demütigen Haltung des Hinhörens auf Gott zu ertasten, was Gottes Wille für die Zukunft der Familie sein könnte. 

Früher hatten Heilige einen Totenschädel als Vanitas-Symbol am Schreibtisch liegen. Eine Rolle Tesaband wäre kein übles Symbol für das 21. Jahrhundert.

(Tagespost, 16.09. 2014)

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