Montag, 3. März 2014

"Sind wir Habsburger am 1. Weltkrieg schuld?" Tagespost, 22.02.14


Dieser Artikel erschien am 22.  Februar 2014 im Rahmen einer Serie über den Beginn des 1. Weltkrieges in der "Tagespost"

Die meisten Mitglieder des Hauses Habsburg leben normale Leben und befassen sich, so schwer das zu glauben ist, nicht andauernd mit ihrer Familien- und der europäischen Geschichte im Allgemeinen, sondern kämpfen mit den Tücken des Alltags.  So kam es wie ein Weckruf, als vor ca. einem Jahr meine 16jährige Tochter aus der Schule kam und mich ziemlich fassungslos fragte: „Papi, sind die Habsburger schuld am Ersten Weltkrieg?“ Der erste Impuls ist immer, zu sagen: „Natürlich nicht, mein armer Schatz.“ Warum soll ein Kind sich mit so einer furchtbaren Schuld belasten müssen? Dann stellte ich fest, dass ich es eigentlich nicht wusste. Also antwortete ich mit dem Diktum eines bekannten Österreichers (Bundeskanzler Sinowatz): „Es ist sehr kompliziert.“ Wie recht ich damit hatte, wusste ich erst ein halbes Jahr später, nach der Lektüre von Christopher Clarks faszinierenden „Die Schlafwandler“, der wohl besten Studie über die Komplexität des Weltkriegsbeginns.  Das Thema des Beginns der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ und der Schuld und Verantwortung für dieses „komplizierteste Ereignis der Weltgeschichte“ (Clark) mit seinen hunderten von Protagonisten in mindestens 5 großen Nationen ist wirklich so kompliziert, dass man sich vor einfachen „Antworten“ hüten muss. Nicht umsonst sind praktisch alle Quellen ideologisch gefärbt, umfasste der Literaturstand alleine zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 20 Jahren ca. 25.000 Bücher, eine Menge, die, wie Clark amüsiert notiert, nicht einmal ein fiktiver Historiker alle lesen könnte.

Nachdem unserem Familienchef Karl Habsburg klar war, dass viele Habsburger aller Altersstufen in Österreich und der restlichen Welt (wir haben ca. 500 Familienmitglieder) im Jahr 2014 mit dieser Frage konfrontiert werden würden, haben wir in einer kleinen Gruppe uns gefragt, was wohl die angemessene Antwort auf die Frage nach der Schuld ist und was auch der neueste Stand der Wissenschaft ist. Auch, um zu Wordings zu kommen. Damit man auch auf ziemlich polemische Zeitschriftentitel wie den des „profil“-Themenheftes Erster Weltkrieg reagieren kann („1914: Wie die Habsburger Österreich in den Untergang führten“). 

Clark mit seiner vielseitigen Sichtweise war dabei eine große Hilfe; er seziert nicht die Schuldfrage, sondern untersucht, wie die Dinge der Reihe nach passiert sind, warum die stellenweise sehr eigenständig agierenden Protagonisten in Serbien, Österreich und Deutschland, Frankreich und Russland und England in jenen kurzen vier Wochen zwischen Ende Juni und Ende Juli 1914 aus einem Attentat und einer Serbienkrise schließlich einen Weltkrieg lostraten, der vier Jahre und viele Millionen Tote später endete und die europäische Landkarte für immer verändert hatte. Eine seiner großen Taten ist die feine Sezierung der Situation in Serbien auf den ersten 100 Seiten; zum ersten Mal, so scheint es, bekommt man eine Ahnung von dem komplexen Geflecht von Beziehungen sowie Wissen und Nichtwissen zwischen serbischer Regierung, dem Militär und den verschiedenen Terror-Zellen und –organisationen, die damals tätig waren. Aber auch Manfried Rauchensteiners monumentales „Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie“ hilft bei der Rekonstruktion der entscheidenden Wochen, vor allem in Österreich. Nebenbei bemerkt – während Clark nur 800 Seiten lang ist, wiegt Rauchensteiner 2,5 kg und streckt sich über 1200 Seiten (er behandelt aber auch den ganzen ersten Weltkrieg).

Rekapitulieren wir kurz. Am 28. Juni 1914 ermordete der serbische Nationalist Gavrilo Princip in Sarajewo in Bosnien-Herzegowina, also auf österreichisch-ungarischem Territorium, den Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau, Erzherzogin Sophie. Princip wollte sicher keinen Weltkrieg auslösen. Ihm ging es wie vielen anderen Serben um die Idee eines großen Reiches. Viele Kräfte in Serbien hatten nicht verwunden, dass Bosnien mit seiner Bevölkerung von 40% Serben zu Österreich-Ungarn gekommen war, und man sorgte dafür, dass dort keine Ruhe einkehrte – das geschah durch geplante und auch durchgeführte Attentate durch Terrorzellen wie jenen der „Schwarzen Hand.“ Dieses eine gelang, und auch wirklich nur durch eine Verkettung von Zufällen. Das ist überhaupt so eine Erkenntnis. Der Krieg, und zwar der große, alles verschlingende Krieg hätte so oft verhindert werden können, dass es beinahe erstaunlich ist, dass er stattfand. So viele kleine Schritte wurden gesetzt, die schließlich in die Katastrophe führten. Und die meisten Beteiligten sagten immer wieder, dass sie „keine Wahl hätten.“

Nun war dieses Attentat in den Augen Österreichs der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Serbien hatte in den beiden Balkankriegen 1912 und 1913 bereits viel Unruhe und Aggression in die Region gebracht. Österreich beschloss, dass es diesmal nur mit einem Krieg gegen Serbien gehen würde. Diese Entscheidung wurde bereits kurz nach dem Attentat getroffen. Rauchensteiner betont in dieser überarbeiteten Auflage seines Buches, dass diese Entscheidung direkt vom Kaiser getroffen wurde und er sie seiner Regierung vorgab, als er aus Ischl kam. Doch dafür bietet er keine stichhaltigen Beweise. Franz Joseph war vielmehr als ein Herrscher bekannt, der sich fast immer an die Entscheidungen jener Leute richtete, die er selber in Funktionen eingesetzt hatte. Kleiner Einschub – auch das eine interessante Erkenntnis aus Clark: während die Kaiser von Österreich und Deutschland ihren Entscheidungsprozess in ein kompliziertes Geflecht aus Beratern und Gremien einbanden (und damit gewissermaßen „erdeten“), agierten die Aussenminister von Frankreich, Russland und England im Juli 2014 einem freien Raum und trafen ihre Entscheidungen ziemlich nach Belieben. Der russische Zar spielte eine untergeordnete, der englische König gar keine Rolle in den Abläufen. Jedenfalls hat Kaiser Franz Joseph die Entscheidung seiner Regierung schon sehr früh mitgetragen. Jahrelang hatte er sich wirklich für Frieden in der Region eingesetzt, hatte versucht, in seinem Reich die Nationalitäten fair und friedlich zusammenleben zu lassen. Diesmal war es auch für ihn sofort klar. Nur ein schneller Krieg, und zwar gegen Serbien, konnte diesen Unruhe-Herd ruhigstellen. 

Zunächst verging jedoch eine ganze Weile, bis etwas geschah. Man war für keinen Krieg bereit, auch, weil ein großer Teil der Soldaten im Ernteurlaub war. Ausserdem wollte man zumindest vordergründig sicher sein, dass die Spur des Attentats nach Belgrad wies. Am 25. Juli stellte man ein Ultimatum an Serbien, das nach heutigen Standards eigentlich sehr vernünftig erscheint, das aber stets, da dürfen wir uns keine Illusionen machen,  nur den Zweck hatte, dass Serbien es ablehnen sollte, um einen Krieg zu ermöglichen. Das steht sogar im Regierungsbeschluss. Es war harsch formuliert, ließ den Serben nur 48 Stunden zu Beantwortung und forderte in seinem Punkt 6 die Mitarbeit österreichischer Beamter bei der Untersuchung des Mordkomplotts. Heute weiß man, dass der serbische Ministerpräsident Pašić dieses Ultimatum unmöglich annehmen hätte können, weil sonst die Verflechtung der Attentäter bis in höchste Regierungskreise und bis ins Königshaus offenbar geworden wäre. Die „offizielle“ Untersuchung des Mords und seiner Hintermänner war eine Woche nach dem Attentat bereits abgeschlossen und sollte nicht wieder aufgegriffen werden. Aber auch sonst war die Sache schwer zu akzeptieren. Erstaunlicherweise sah es aber kurz nach ca 24 h sogar so aus, als ob die serbische Regierung das Ultimatum in allen Punkten annehmen würde.
Bis ein Telegramm aus Russland der serbischen Regierung signalisierte, dass der mächtige Verbündete Serbien beistehen würde. Russland, das war der Aussenminister Sasonow, der genau zu dem Zeitpunkt mit Pointcarrée, dem Aussenminister des verbündeten Frankreich, in Petersburg konferierte. Gerüchte vom kommenden Ultimatum (durch Spione und durch Schlamperei der deutschen Regierung) hatten den beiden Politikern jede Menge Zeit gelassen, ihre Strategien aufeinander abzustimmen. Daraufhin antwortete Serbien am 27. Juli auf das Ultimatum mit einem balkanisch-diplomatischen Meisterstück, das jedoch einer de fakto-Ablehnung gleichkam. Am 28. Juli erklärte Österreich Serbien den Krieg, woraufhin Russland gewaltige Truppenmengen mobilisierte und in Bewegung in Richtung Westen versetzte, sowohl gegen Österreich-Ungarn als auch gegen Deutschland, wie man heute weiss; was wiederum das zu diesem Zeitpunkt noch völlig unvorbereitete Deutschland in Panik versetzte und alles beschleunigte. 

Die Dominosteine begannen zu fallen. Wenige Tage später war der Große Krieg da.
Hier stehen wir vor der zentralen Frage. Musste die österreichische Regierung, musste Kaiser Franz Joseph wissen, dass ihre Kriegserklärung an Serbien automatisch Russland und Frankreich auf den Plan rufen und somit einen großen Krieg der Verbündeten auslösen würde? Dann würde in der Tat die Schuld schwer auf Österreich und dem Kaiser lasten. Diese Frage ist eben so einfach, wie sie komplex zu beantworten ist. Am ehesten trifft „nein und ja“ zu. Das Ultimatum und die Kriegsplanung wurden von Franz Joseph immer als Aktion gegen Serbien und nur gegen Serbien gesehen. Österreich hatte nach zwei Mobilmachungen weder das Geld noch irgendwelche lohnenden Ziele in einem ausgedehnten Krieg. Doch gab es zu jedem Zeitpunkt der Krise Stimmen, auch in leitenden Funktionen in Österreich, die darüber räsonierten, dass das zum „großen Krieg“ führen könne und die bereit waren, das in Kauf zu nehmen; ja, Generalstabschef Conrad von Hötzendorf hatte mit seinen deutschen Partnern mehrmals die Strategie besprochen, wie man bei einem russischen Eingreifen reagieren würde. Und trotzdem: Clark vermittelt den Eindruck, dass man im Endeffekt darauf vertraute, dass Russland (schon aus Angst vor einem Eingreifen von Österreich-Ungarns Verbündeten Deutschland) nicht einen Krieg wegen Serbien anfangen würde; beziehungsweise, dass man das Thema Russland eisern verdrängte. Und auch in einer früheren Krise hatte Russland einmal eingelenkt und Serbien beruhigt. Das könnte ja wieder geschehen. Tatsächlich griff man ja dann auch erst Serbien an und musste dann, beim Eingreifen Russland, holprig umstellen. 

Es ist immer wieder über die Möglichkeit einer Friedensvermittlung in letzter Sekunde nachgedacht worden. Wer Clark liest, sieht sofort, warum Österreich sich auf so etwas nicht ernsthaft eingelassen hätte. Frankreich und Russland ließen von Anfang an klar durchscheinen, dass sie für die Forderungen Österreich-Ungarns an Serbien nichts übrig hatten. Überhaupt hat man den Eindruck, dass die Ermordung des Thronfolgers und der österreichische Zorn darüber international auf wenig Interesse oder gar Verständnis traf. Eine internationale Konferenz, das hatte Österreich-Ungarn bereits während der zwei Balkankriege bemerkt, hätte nichts gebracht. Was hätte der Kaiser also mit dem Wissen und Denken des Jahres 1914 in so einer Situation auch groß anderes tun können, als einen kurzen, begrenzten „3. Balkankrieg“ zu beginnen? Wo keine internationalen Institutionen Österreich zu Genugtuung verholfen hätte? Immerhin war der Thronfolger seines Reiches auf eigenem Territorium ermordet worden. Hätte der  Kaiser sich für den Mord bedanken sollen und zu business as usual zurückkehren sollen? 

Also: der „Stein, der alles ins Rollen brachte“, der „Auslöser des Ersten Weltkriegs“, war zunächst einmal das Attentat durch Gavrilo Princip. Der von Kaiser Franz Joseph befohlene und zu verantwortende Angriff auf Serbien hat den Stein nur zurückgerollt. Dort hätte er liegen bleiben können, alles hätte ein lokaler Konflikt bleiben können. Nun wurde der Stein aber energisch weitergerollt, und zwar nicht vom Kaiser, sondern von einer ganzen Reihe sehr selbständig agierender Hände in anderen Ländern. Das zeigt Clark sehr klar. Hätte Russland (in Absprache mit Frankreich) nicht im alles entscheidenden Moment Serbien seine Unterstützung zugesagt und zugleich eine Mobilisierung ausgelöst, der Weltkrieg hätte nicht stattgefunden. Das gilt aber noch für viele andere Schritte in jenen frenetischen Tagen kurz vor dem Augustbeginn. 

Viele hätten bis zum Schluss die Hände vom Abzug nehmen können. 

Nachher ist man immer klüger. 

Was würde ich meiner Tochter heute sagen? Ich würde von einer Mitverantwortung aller Staatsoberhäupter und auch des Kaisers am Kriegsausbruch sprechen, in seinem Fall durch den Angriffsbefehl auf Serbien; doch eine Schuld des Kaisers oder auch der Habsburger als Familie für den Ersten Weltkrieg muss sie, glaube ich, nicht auf ihre jungen Schultern nehmen.
Und was lernen wir aus dem Ganzen? Das Feuer, auf dem die Suppe zum Kochen kam, war die des Nationalismus. Der renommierte US-Historiker Timothy Snyder hat in den letzten Wochen in Interviews und Artikeln den Blick mehrmals darauf gerichtet, wie sehr die Donaumonarchie mit ihrem Zusammenleben von Volksgruppen, mit ihrer Hymne in 20 Sprachen ein Vorbild für das heutige Europa gewesen ist, viel weniger dem Untergang geweiht, als wir uns das heutzutage gerne vorstellen. Es war ein einzigartiges Experiment in einem sich immer mehr nationalistisch aufladenden Europa, das schließlich für diese nationalistischen Ideale zu den Waffen griff. Am Ende gab es Österreich-Ungarn nicht mehr. Ein weiterer großer Krieg war die Folge. 

Dem Projekt Europa scheint es besser zu gehen, so viel besser, dass alle möglichen Länder dazu kommen wollen. Vielleicht ist das auch die Folge der schlimmen Lehren, die wir aus den Ereignissen 1914-1918 ziehen können.