Dienstag, 5. November 2013

Ganz erstaunlich: Der Mäusesheriff (Part 1)

Heute mal was ganz anderes.

Zeit, eines der erstaunlichsten Gesamtkunstwerke in deutscher Sprache zu beleuchten: die beiden Kinderhörspiele "Der Mäusesheriff" und "Neues vom Mäusesheriff" von Egon L. Frauenberger nach dem Buch von Janosch, beide produziert 1971. Ich sage bewußt "nach" Janosch, weil die fertigen Produkte sehr wenig mit dem Ausgangsbuch zu tun haben.

Wenn eine Platte/ Cassette/ CD aus dem Jahr 1971 nicht nur in der eigenen Kindheit hunderten von Hördurchgängen standgehalten hat, sondern beim Wiederhören als Erwachsener noch genialer rüberkommt und schließlich meinen 6 Kindern gefällt, bis hinunter zur vierjährigen Jüngsten, der die Dialoge ein fassungsloses Grinsen ins Gesicht zaubern, dann muss das Werk (über die Alterssentimentalität hinaus) schon etwas Besonderes sein.

Und das sind die Geschichten um Jippi Brown, den doppelten Sheriff von Mocassin Flat, in vielerlei Hinsicht. Rasant, komisch, mit mitreissenden Liedern, einer Triple-Portion Ironie, geradezu anarchistischen Humor und viel Spannung. Ja, sie sind so gut, wie wir sie seit der Kindheit in Erinnerung haben; erst als Erwachsener lernt man den Unsinn, der einem da verzapft wird, in seiner ganzen Breite schätzen. Teil 1, besonders aber Teil 2 sind fast die perfekteste Unterhaltung, die ich in der deutschen Sprache kenne; noch beim 5. oder 6. Hören entdeckt man kleine Humorbatzen, die einem vorher entgangen sind.

Worum geht es in den Hörspielen? In der Mäusestadt Katzlbach taucht eines Tages ein Fremder auf, der sich als Jippi Brown ausgibt. Er beginnt sofort, haarsträubende Geschichten aus dem Wilden Westen zu erzählen, zur großen Begeisterung der Mäuse, die jedes seiner Worte glauben und verschlingen. Da geht es um die Stadt Mocassin Flat, um Indianer und Silberlöwen, Eisenbahlinien und Telefonate mit dem "Präsidenten Hosenfeld", und immer wieder die erstaunlichen Heldentaten des unbesiegbaren Sheriffs mit den starken Barthaaren. Das ganze punktuiert von nonsensischen Westernsong-Versionen von bekannten Liedern und getragen von einem scharfen Timing. Dass Jippi Brown, wie Bartolomäus, der Mäusevater, vermutet, eine Lügenmaus ist, wird nicht erst am (moralischen) Ende klar; aber so wirklich stört es nicht. "Hauptsache, die Geschichte ist schön", wie die ständig mit aufgeregten Fragen unterbrechenden Mäuse meinen.Und schön sind die Geschichten; der Höhepunkt ist sicher die Begebenheit (in der zweiten Cassette) mit dem Silberlöwen mit den spitzen Zähnen, welchen der Großwildjäger Mr. Fletcher, "ein Englishman aus England", unbedingt erlegen will.

Getragen ist das ganze von genialen Texten, einem tollen Erzähler, dem charismatischen Rüdiger Bahr als charmant-größenwahnsinnigen Jippi Brown und vielen, vielen starken NebendarstellerInnen.  Ganz besonders deutlich wird der Kontrast, wenn man begeistert das Janosch-Buch kauft - und feststellt, dass es fast nichts mit dem tollen Hörspielpaar zu tun hat, sondern (zumindest mir) viel langweiliger vorkam. Der bekannte Hörspielproduzent Egon L. Frauenberger (Hotzenplotz, Kleine Hexe, Urmel etc.) hat hier mit sehr viel Eigeninitiative ein autarkes Eigenwerk geschaffen, das seinesgleichen sucht.

So. Etwas beruhigen wieder.

Wer nach all dem Lob und Preis nicht sofort los saust und für sich oder seine Kinder die Hörspiele erwirbt, sondern sicherheitshalber einmal "hineinhören" will, findet hier die Links (mit Hörbeispielen):


 Der Mäusesheriff auf Amazon

Neues vom Mäusesheriff auf Amazon

Ich bemühe mich mittlerweile, für diesen Blog Kontakt zu einigen der damaligen Synchronsprecher herzustellen, um mehr über die Umstände zu erfahren, unter denen die beiden "Mäusesheriff"-Hörspiele entstanden sind.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen