Donnerstag, 24. Oktober 2013

Ziemlich Meta: Eduard in Waldersbach (und Strassburg und Nancy)


Wenn ein Bild tausend Worte (nicht ganz) ersetzt... Im Rahmen einer Lesereise nach Nancy und Strassburg bin ich am Tag nach Büchners 200. Geburtstag, also am 18. Oktober,  nach Waldersbach gekommen, jenen Ort, an dem Büchners "Lenz" und meine "Lena in Waldersbach" (C. H. Beck) spielen. Das war eine in jeder Hinsicht spannende Begegnung, da ich zwar meinen Roman dort angesiedelt hatte, den Ort aber nur durch Google Maps und Google Earth und Komparsen gekannt hatte. Ich durfte dort nicht nur das Musee Oberlin besuchen, sondern auch das aktuelle Pastorenehepaar von Waldersbach, die Cloyds (in meiner "Lena" spielen die fiktiven Pastoren von Waldersbach eine Rolle und im "Lenz" natürlich der berühmte Pastor Oberlin).

Die Reise in die Vogesen gelang dank der rührenden Hilfe von Frau Demenet vom Goethe-Institut Strassburg, die mich gleich nach meiner Lesung vor 70 Schülerinnen und Schülern auf eine private Exkursion dorthin mitnahm. Eine Stunde fährt man im Auto in die Vogesen. In ein winziges Dörfchen, das wegen Pastor Oberlin, besonders aber wegen Jakob Michael Lenz und der Dramatisierung durch Büchner jedes Jahr hunderte von Besuchern anzieht.



Einigermaßen habe ich Waldersbach wiedererkannt an diesem herrlichen Herbstabend, einigermaßen sah es auch so aus, wie ich es beschrieben habe; alles etwas enger und die rollenden Hügel ringsum steiler (sehr passend zum Lenz). Vertraut und doch fremd. Die Kirche war genau, wie ich sie mir vorstellte - und wie Jakob Michael Lenz sie 1778 sah:


Großartig und für jede Büchner-Fan ein absolutes Muss ist die Besichtigung des Strassburger Münsters, das ich in 24h zweimal erkraxelte. Man muss sich einmal durch das Straßengewirr diesem wuchtigen, in seiner Geschichtlichkeit absolut fremd wirkenden Bauwerk nähern, das plötzlich vor einem steht und einen herausfordert: da bin ich; rotbraun, riesig, selbstbewusst.



Aber die Abenteuer beginnen beim Besteigen. Erstens wegen des kolossalen Schwindelgefühls, das einen spätestens beim Abstieg erfasst, wenn man in einer engen Aussenwendeltreppe immer wieder durch luftige Fenster auf das tief unter einem liegende Dach und die noch tiefer gehenden, staubkorngroßen Passanten blicken darf (brrr); faszinierend ist dann der Blick von der Aussichtsplattform, von der wir wissen, dass Georg Büchner während seiner Strassburger Aufenthalte 1835 und 1836 hier oft war (einmal während eines spektakulären Gewitters).  Und so hat er wohl auch zu den Vogesen hinüber geblickt, als er seinen 'Lenz" schrieb - man sieht die Höhenkette dunstig am Horizont:



Nein, faszinierend ist der Aufstieg speziell wegen der vielen "Unterschriften" von Reisenden, die vor allem während des ausgehenden 18. Jh. hier von ihrer Turmbesteigung Zeugnis ablegten.  Der Blick vom Münster war ja bis ins 19. Jahrhundert der höchste, den man in Europa genießen konnte! Zwischen die modernen Filzstiftkritzeleien beim Aufstieg (YO! MERDE!) mischen sich mehr und mehr eingemeisselte "Wuz-heres" von dieser Art (1771):



Oben sind dann wirklich hunderte von Tafeln angebracht, unter denen auch Voltaire, Goethe und Lenz sein sollen - leider gibt es keine Broschüre oder Führer, so dass man stundenlang suchen müsste... aber spannend ist es doch. Ich bin fast sicher, dass Büchner sich hier irgendwo am Aufstiegsweg verewigt hat, man müsste die Signatur nur finden.

Beides sind meine Wünsche an die Strassburger Verwaltung zum kommenden Münsterjubiläum.

Zwischendurch durfte ich zwei sehr verschiedenen Publiken aus meiner "Lena" vorlesen und hoffentlich einige Büchner-Fans gewonnen; meine "Lesungen" sind eine Mischung aus eigentlicher Lesung und der Entstehungsgeschichte von Büchners Lenz mit historischen Hintergründen. Die im Goethe-Institut Nancy war wirklich DIREKT am 200. Geburtstag Büchners. Schon schön:



Und die 70 Schülerinnen und Schüler in Strassburg jedenfalls gehen sicher nicht mehr achtlos am Münster vorbei...:)

Der schönste Moment kam an meinem Abfahrtstag. Als ich mich recht früh zu einer Frühmesse ins halbdunkle Münster schlich, verschwand die Turmspitze in einer Nebelbank. Das Foto ist natürlich grottenschlechte Qualität, aber sie gibt eine kleine Idee.






1 Kommentar:

  1. interessanter Beicht-du hast bei jungen Menschen viel bewirkt-freut mich für dich

    AntwortenLöschen