Dienstag, 29. Oktober 2013

Bis an die Grenzen der Diözese

Die letzten zwei Tage durfte ich wieder mal die schönen Seiten der Mitarbeit im Referat für Kommunikation der Diözese St. Pölten erleben. Für unsere funkelnageleue Homepage sollten alle Pfarrkirchen geknipst werden, von aussen und wo möglich von innen.

Dekanat für Dekanat.

Da schwingt sich dann der Mitarbeiter ins Auto und tingelt, mit Fotoapparat und Routenplaner bewaffnet, durch Dörfer und über Landstrassen. Pro Tag zwischen zehn und zwanzig Kirchen. Hunderte Kilometer, viele Stunden lang. Immer auf der Suche nach dem perfekten "Passfoto" der Kirche. Da ich diesmal im Dekanat Geras (im Nordosten des Waldviertels) unterwegs war, sah die Landschaft zumeist so aus:

  


Das Ganze ist ein bisschen wie eine Schnitzeljagd. Ich LIEBE Autofahren und probiere gerne neue, möglichst kleine und abgelegene Sträßchen aus - und Google Maps schickt einen auch gerne mal über einen besseren Feldweg. Der manchmal an der Diözesan- und Landesgrenze entlangläuft (diesmal zu Tschechien):





Das ganze vor der kargen, herbstlichen Szenerie des Waldviertels. Traumhaft. Da rollt man auf einer ganz normalen Landstrasse plötzlich über eine waschechte Holzbrücke, durchquert ausgestorbene Dörfer, dippt kurz in das tschechische Funknetz ein und kommt nebenbei zur wahrscheinlich "einzigen Perlmuttdrechselei Österreichs"....

Was bei diesen Fahrten immer am meisten bewegt: ist die Präsenz der Kirche in auch den hintersten Winkeln der Landschaft. In Dörfern, in denen wirklich alles herunterblättert, die man erst nach Durchquerung von ausgedehnten Waldgebieten erreicht, auf Sträßchen, auf denen eine Begegnung mit Gegenverkehr zum waghalsigen Abenteuer werden kann, findet man immer zuerst das Kirchlein, bald alt, bald neu, und daneben immer der Aushängekasten, das Plakat der KA, das "Jahr-des-Glaubens"-Poster, die Messzeiten.

 
Es ist eine starke und horizonterweiternde Erfahrung, die große Fülle an Kirchen zu sehen, das immer gleiche und neue Bild, wenn man sich einem neuen Dorf nähert. Wenn man auch in erster Linie im Kopf kalkuliert, ob die aktuelle Kirche am besten von weit weg oder von ganz nah zu knipsen ist - spürbar wird überall, dass das Dorfleben sich noch um die Kirche gruppiert. Und schön auch der Stolz der Menschen, wenn man ihre Kirche fotografiert.

Und natürlich war es für mich nicht zuletzt eine Wallfahrt - auch wenn diesmal die meisten Kirchen verschlossen waren, hielt man doch im Schnitt alle 20 Minuten bei einer Kirche, wo der Herr wohnt.
Und zuweilen, wenn man nicht durch eine geschlossene Glasfenster versucht, ein Bild vom Inneren zu erhaschen...

 

...kann man sich immer ein paar Minuten in die Kirche setzen und ein wenig innehalten. Und die Eindrücke verarbeiten.

Schön, für die Kirche zu arbeiten.

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Ziemlich Meta: Eduard in Waldersbach (und Strassburg und Nancy)


Wenn ein Bild tausend Worte (nicht ganz) ersetzt... Im Rahmen einer Lesereise nach Nancy und Strassburg bin ich am Tag nach Büchners 200. Geburtstag, also am 18. Oktober,  nach Waldersbach gekommen, jenen Ort, an dem Büchners "Lenz" und meine "Lena in Waldersbach" (C. H. Beck) spielen. Das war eine in jeder Hinsicht spannende Begegnung, da ich zwar meinen Roman dort angesiedelt hatte, den Ort aber nur durch Google Maps und Google Earth und Komparsen gekannt hatte. Ich durfte dort nicht nur das Musee Oberlin besuchen, sondern auch das aktuelle Pastorenehepaar von Waldersbach, die Cloyds (in meiner "Lena" spielen die fiktiven Pastoren von Waldersbach eine Rolle und im "Lenz" natürlich der berühmte Pastor Oberlin).

Die Reise in die Vogesen gelang dank der rührenden Hilfe von Frau Demenet vom Goethe-Institut Strassburg, die mich gleich nach meiner Lesung vor 70 Schülerinnen und Schülern auf eine private Exkursion dorthin mitnahm. Eine Stunde fährt man im Auto in die Vogesen. In ein winziges Dörfchen, das wegen Pastor Oberlin, besonders aber wegen Jakob Michael Lenz und der Dramatisierung durch Büchner jedes Jahr hunderte von Besuchern anzieht.



Einigermaßen habe ich Waldersbach wiedererkannt an diesem herrlichen Herbstabend, einigermaßen sah es auch so aus, wie ich es beschrieben habe; alles etwas enger und die rollenden Hügel ringsum steiler (sehr passend zum Lenz). Vertraut und doch fremd. Die Kirche war genau, wie ich sie mir vorstellte - und wie Jakob Michael Lenz sie 1778 sah:


Großartig und für jede Büchner-Fan ein absolutes Muss ist die Besichtigung des Strassburger Münsters, das ich in 24h zweimal erkraxelte. Man muss sich einmal durch das Straßengewirr diesem wuchtigen, in seiner Geschichtlichkeit absolut fremd wirkenden Bauwerk nähern, das plötzlich vor einem steht und einen herausfordert: da bin ich; rotbraun, riesig, selbstbewusst.



Aber die Abenteuer beginnen beim Besteigen. Erstens wegen des kolossalen Schwindelgefühls, das einen spätestens beim Abstieg erfasst, wenn man in einer engen Aussenwendeltreppe immer wieder durch luftige Fenster auf das tief unter einem liegende Dach und die noch tiefer gehenden, staubkorngroßen Passanten blicken darf (brrr); faszinierend ist dann der Blick von der Aussichtsplattform, von der wir wissen, dass Georg Büchner während seiner Strassburger Aufenthalte 1835 und 1836 hier oft war (einmal während eines spektakulären Gewitters).  Und so hat er wohl auch zu den Vogesen hinüber geblickt, als er seinen 'Lenz" schrieb - man sieht die Höhenkette dunstig am Horizont:



Nein, faszinierend ist der Aufstieg speziell wegen der vielen "Unterschriften" von Reisenden, die vor allem während des ausgehenden 18. Jh. hier von ihrer Turmbesteigung Zeugnis ablegten.  Der Blick vom Münster war ja bis ins 19. Jahrhundert der höchste, den man in Europa genießen konnte! Zwischen die modernen Filzstiftkritzeleien beim Aufstieg (YO! MERDE!) mischen sich mehr und mehr eingemeisselte "Wuz-heres" von dieser Art (1771):



Oben sind dann wirklich hunderte von Tafeln angebracht, unter denen auch Voltaire, Goethe und Lenz sein sollen - leider gibt es keine Broschüre oder Führer, so dass man stundenlang suchen müsste... aber spannend ist es doch. Ich bin fast sicher, dass Büchner sich hier irgendwo am Aufstiegsweg verewigt hat, man müsste die Signatur nur finden.

Beides sind meine Wünsche an die Strassburger Verwaltung zum kommenden Münsterjubiläum.

Zwischendurch durfte ich zwei sehr verschiedenen Publiken aus meiner "Lena" vorlesen und hoffentlich einige Büchner-Fans gewonnen; meine "Lesungen" sind eine Mischung aus eigentlicher Lesung und der Entstehungsgeschichte von Büchners Lenz mit historischen Hintergründen. Die im Goethe-Institut Nancy war wirklich DIREKT am 200. Geburtstag Büchners. Schon schön:



Und die 70 Schülerinnen und Schüler in Strassburg jedenfalls gehen sicher nicht mehr achtlos am Münster vorbei...:)

Der schönste Moment kam an meinem Abfahrtstag. Als ich mich recht früh zu einer Frühmesse ins halbdunkle Münster schlich, verschwand die Turmspitze in einer Nebelbank. Das Foto ist natürlich grottenschlechte Qualität, aber sie gibt eine kleine Idee.






Montag, 21. Oktober 2013

Papst Franziskus und Severin von Noricum – ein Dream Team

Dieser Beitrag ist die Kurzfassung eines Vortrages, den ich am 11.10.13 in Wien/ Heiligenstadt gehalten habe - als ich neuer Obmann der Severinsgemeinschaft wurde. Er ist auch auf kath.net erschienen:

http://www.kath.net/news/43355


Wie kann ein Heiliger aus dem 5. Jahrhundert, aus der Zeit, als entlang der Donau das römische Reich zusammenbrach, brennend aktuell für das 21. Jahrhundert sein? Wie kann dieser Mann, der von Mautern bei Krems aus unermüdlich donauauf- und abwärts reiste, tätige und praktische Hilfe leistete, Wunder wirkte, mit den arianischen Germanen jenseits der Donau in respektvollen Dialog stand und zugleich brennend die Menschen zu Gebet aufrief; wie kann der für jeden von uns wichtig sein?

Ich denke aus zwei Gründen.

Erstens ist die Vita des Eugippius aus dem 6. Jahrhundert karg, nüchtern und trocken, hier dominieren „realistische“ Wunder, solche, wie wir sie uns in unserem heutigen Leben vorstellen können. Jeder sollte das orange Reclam-Heft einmal lesen und staunen. Das liegt ganz schlicht daran, dass der Biograph seine Informationen aus erster Hand hat. Der Mann aus Neapel ist ins Kloster eingetreten, nicht einmal 30 Jahre nach dem Tod des Severin, in Favianis in Noricum selber. Und hat dort die alten Mönche und andere Menschen befragt, die Severin kannten. So zeichnet die Vita ein realistisches Bild. Das merkt man auch an einem schönen Detail. Als er beschreibt, dass Severin immer barfuß ging, muss er seinen (napoletanischen) Lesern klar machen, was das bedeutete:

„Schuhwerk trug er überhaupt nicht; so begnügte er sich auch mitten im Winter, der in jenem Gebiet von grimmigen Frost erstarrt, immer damit, barfuß zu gehen;(…) Zum Beweis für die entsetzliche Kälte dort kann bekanntlich die Donaus als Zeuge gelten, die oft in solchen Eismassen erstarrt ist, dass sie auch Lastwagen eine sichere Überfahrt ermöglicht.“

Brrr. Also, ein realistischer Heiliger. Aber auch aus einem zweiten Grund ist dieser Mann brennend aktuell. Denn es ist vor wenigen Monaten ein Mann Papst geworden, der in seinen Handlungen, Aussagen, Gesten alles zu verkörpern scheint, was Severin damals in der Provinz Noricum zu leben versucht hat. Franziskus und Severin sind geradezu Seelenzwillinge. Wie Severin geht es dem neuen Papst zunächst um die tätige Nächstenliebe, welche die größte Predigt ist, die wir Christen haben; ein Licht in der Gesellschaft sind wir Christen nur, wenn wir nicht nur schön daherreden, sondern aktiv beitragen, dass es den schwächsten der Armen gut geht. Ich denke, die beiden hätten sich sehr gut verstanden. Ich will nun Begebenheiten aus der Vita Sancti Severini Revue passieren lassen und zeigen, was Severin in verschiedenen Situationen getan hat – und wie das mit Papst Franziskus zusammenpasst.

Von der ersten Szene in der Vita des Eugippius an macht Severin immer dasselbe: er bietet praktische Hilfe an, gepaart aber immer mit Aufruf zur persönlichen Umkehr. Wenn er Vorhersagen macht, und das tut er oft, Vorhersagen über bevorstehende Überfälle zum Beispiel, würden sie jedes Mal Menschenleben retten, wenn man ihm glauben würde; aber die echte Rettung geschieht immer nur durch Fasten, Beten in der Kirche und Buße. Denn es soll von Gott erbeten werden und nicht selber geschafft werden. Severin ist immer entsetzt, ja verzweifelt, wenn man große Wunder von ihm persönlich erwartet; wenn man glaubt, er selber könne das. Er vermag nichts! Wenn er aber echten Glauben vorfindet, dann wagt er das Wunder zu erbitten. Und die Wege des Severin sind nicht die der Welt.

Das sieht man ganz schön bei seinem allerersten Auftritt in Favianis, den wir uns hier einfach mal zu Gemüte führen müssen. Er kam ja zunächst nach Zeiselmauer, dann nach Tulln. Und dann wird er in den neuen Mittelpunkt seines Handelns gerufen. Die Bewohner von Mautern haben eine schlimme Hungersnot und rufen ihn. Er sieht sich die Lage an, empfiehlt den Bewohnern gemeinsames Gebet, Buße und Umkehr. Dann durchschaut er eine Witwe, die Getreide gehortet hat, und überzeugt sie, es zu teilen. Und erst nachdem diese sich bekehrt hat, kommen die Schiffe mit den reichlichen Gaben, die im Eis des Inns festgehangen waren.

Eigentlich irr: hungernde Menschen sollen fasten - aber die Logik Gottes ist eben eine andere als die der Menschen. Gott soll der Handelnde sein.

Warum gefällt uns Severin so sehr? Weil seine Wunder keine fliegenden Kühe sind. Weil sie sehr oft „realistisch“ sind. Vorstellbar. Kann sein, dass er von dem Horten der Witwe auch durch andere als göttliche Eingebung erfahren hat. Severin war ein Mann dieser Welt gewesen, bevor er zum Missionar wurde; immer gut informiert. Und es sind auch nicht Engel vom Himmel, die das Essen bringen, sondern verspätete Schiffe. Aber man erhält Hilfe erst aus Gottvertrauen, aus der Geste des Fastens und der Umkehr. Eine dringende Botschaft für unsere Zeit, in der wir alles machen, können, kaufen, selber verwirklichen zu können scheinen.

So in Kuchl/ Cucullis an der Salzach, wo man auf Severins Hinweis hin das scheinbar Unvernüftige tut. Die Geschichte ist großartig und markant für die Herangehensweise und Pädagogik des Heiligen. Severin wird in die Stadt gerufen, Heuschreckenschwärme drohen die ganze Ernste zu fressen. Anstatt auf den Feldern zu stehen und die Heuschrecken zu vertreiben, sollen die Menschen in die Kirche kommen und beten und Buße tun (wieder die Logik Gottes). Sie tun es – außer einem, der dem Heiligen nicht traut und sein Feld lieber selber rettet. Prompt sind am anderen Tag alle Felder unversehrt – außer seinem. Anders als vielleicht in anderen erbaulichen Geschichten wird der Sünder aber nicht von einem Blitz niedergestreckt; statt einer Strafpredigt fordert der Heilige alle anderen Bewohner auf, den reuigen Mann aus ihrem Überfluss zu ernähren.

Auf Gott soll man sein Vertrauen setzen. Aber man soll auch immer barmherzig sein. Ein erstaunlicher Teil der Botschaft Severins ist diese immer wiederkehrende Barmherzigkeit, zentrales Wort auch bei Franziskus. Die gefangenen Räuber werden mit Speise und Trank gestärkt und befreit; die Witwe nicht bestraft; der reuige Mann bei der Heuschreckenplage wird von allen anderen durchgefüttert. Die Gesten Severins, eines Mannes, der in einer großen Not- und Umbruchszeit auftritt, sind nie grimmig, streng und grausam, sondern sanft und hilfsbereit.

Severin führte immer den respektvollen Dialog mit Andersdenkenden; er war kein Eiferer und Fundi. Die Residenz des Königs der Rugier, Flaccitheus war ja genau gegenüber Mautern auf der anderen Donauseite – diese waren die eigentlichen Herrscher in der Gegend, nicht mehr die armseligen römischen Kastelle, und natürlich hat Severin sich auch deswegen in Mautern angesiedelt, weil er von hier direkt in einen Dialog mit ihnen eintreten konnte. Er geht stets respektvoll mit den Arianern jenseits der Donau um und wird auch von ihnen respektiert.

In der Folge gründet Severin ein Kloster, zieht sich aber selber gerne in eine Zelle in den Weinbergen zurück. Und doch versinkt er nicht in völliger Kontemplation, sondern wählt immer wieder die vita activa der Hilfe. Und seine Hilfe war immer ebenso spirituell wie praktisch; wir lesen, dass Severin Autorität ausübte und zu organisieren verstand. So wenig von seiner Biographie bekannt ist – man nimmt an, dass er ein hoher römischer Beamter war, bevor er seinen gesitigen Weg einschlug. Vielleicht erklärt das seine große Informiertheit und Geschicktheit. Severin machte vor, wie ein einziger Mensch mit seinem Leben ein soziales Netz über eine riesige Region aufbauen kann und wirklich einen Unterschied macht.

Aber Severin handelte immer gemäß dem Leitsatz, „...sie sollten nicht auf eigene Kraft vertrauen, sondern beharrlich beten, fasten und Almosen geben und sich so lieber mit den geistigen Waffen schützen.“

Und auch darin wird er wieder zum Vorbild für uns – keine Flucht aus der Welt, sondern aktives Engagement.

Severin ahnte seinen Tod voraus und plante alles enorm praktisch. Man solle ihn nicht zu tief eingraben, in wenigen Jahren würde hier alles überrannt und dann müsse man seinen Leichnam mitnehmen. Was dann 6 Jahre nach dem Tod auch geschah; heute ruht er in jener neuen Heimat der Bewohner von Noricum, in Italien nahe Neapel.

Zusammengefasst wirkt Severin gerade heute so gut, denn er ist ein Orientierungspunkt in beiden Richtungen - wer "nur" fromm ist, mag hier den caritativen Aspekt des Glaubens erlernen, wer mit Gott wenig anfangen kann, kann über tätige Hilfe auch den Glauben entdecken, auf eine unaufgeregte Weise.

...und Franziskus...

Werfen wir nun nach wenigen Monaten Pontifikat einen Blick auf Franziskus, den neuen Mann auf dem Stuhl Petri, dann finden wir doch erstaunlich viele Parallelen. Wer auf in den Medien und auf Twitter die entschlossenen Botschaften des Papstes verfolgt, weiss: es geht ihm um echte Gottesnachfolge – und um tätige Hilfe. Den caritativen Aspekt des christlichen Lebens hat wohl noch kein Papst vor ihm so radikal in den Mittelpunkt gestellt. Aber immer gepaart mit dem der inneren Umkehr.

Eine andere Sache sind die Gesten, die für sich sprechen. Über Severin hieß es: "Wobei er die Seelen seiner Zuhörer mehr durch Taten als durch Worte bildete."

Das ist eine massive Parallele zu Franziskus, der im Medienzeitalter mit Gesten seine Botschaft in die Welt trägt. Wir leben ja in einem Bildzeitalter; Texte schafft unsere schnelllebige Gesellschaft kaum noch. Gesten, Gesten, gesten: das nicht im Vatikan Wohnen – Franziskus lebt immer noch in Santa Marta, nicht im Papstpalast (Severin hatte eine eigene kleine Zelle in den Weinbergen außerhalb von Favianis und dem Kloster), die Bescheidenheit im Auftreten (Severins Schuhlosigkeit, seine Kargheit im Lebensstil), die vielen kleinen Gesten der Unterordnung und der Normalität; die ständige Bereitschaft zu helfen. Die Aufforderung des Papstes, sich nicht in vordergründig in lehramtlichen Diskussionen zu verstricken, sondern wieder ein Licht, eine Hoffnung in dieser etwas verlorenen Gesellschaft zu werden. Auch wir leben in einer Umbruchszeit – heute werden nicht römische Kastelle abgerissen, aber die Grundstrukturen der Familie und der Gemeinschaft bröckeln auseinander, es gibt vielfache, oft seelische Not.

Wie Severin in praktisch allen Notsituationen vertraut Franziskus auf die Macht des Fastens und gemeinsamen Gebets in der Krise. Wir haben erlebt, wie der Papst angesichts der Syrienkrise und unmittelbar vor dem bevorstehenden Angriff der Amerikaner alle Christen auf der Welt zu einem Fast- und Gebetstag für Syrien aufgerufen hat. Bischöfe auf aller Welt (so auch mein Chef, Bischof Küng) haben diesen Aufruf weitergegeben. Der Angriff fand nicht statt. Das mag im Endeffekt vielleicht viele Gründe gehabt haben, aber das Entscheidende ist die gemeinsame Unterordnung von Millionen Christen unter Gottes Hilfe gewesen. Franziskus hätte ja auch zu Demos aufrufen können.
Der Papst stellt die Barmherzigkeit in die Mitte seines Wirkens, das spüren alle Menschen. So wie Severin in allen Geschichten. Er geht auf alle zu, auf die, die vielleicht bisher an den Rad gestellt waren in der Kirche oder sich so gefühlt haben.

Franziskus sucht wie Severin den Dialog mit Andersdenkenden, mit Menschen anderer Religionen, ja sogar mit Atheisten. Er begegnet ihnen auf Augenhöhe, schreibt atheistischen Journalisten offene Briefe in Zeitungen, so dass sie sich ernstgenommen fühlen; so wie bei Severin auch.

Und es muss in Franziskus etwas geben, was die Menschen bewegt, von ihm Großes zu erwarten – so viele gar nicht christliche Menschen haben mir erzählt, wie die ersten gesten dieses schüchtern-bescheiden wirkenden Mannes sie tief bewegt haben, dass sie sich vorstellen könnten, der Kirche wieder eine Chance zu geben, wegen ihm; ähnlich wie auch Severin allein schon durch seinen Ruf und dann durch seine Persönlichkeit viele viele Menschen zur Umkehr und zu caritativen Werken bewegt hat.

Was bedeutet das für uns? Auch wir sollen uns inspirieren lassen, zu tätiger christlicher Nächstenliebe in einer schwierigen Zeit, angespornt von Franziskus in Rom, aber auch ganz besonders vom demütig zupackenden Severin von Noricum.

Letzter Aufruf – kaufen wir die schmale Vita – lesen wir sie in kleinen Häppchen, zum Beispiel eine Begebenheit am Abend vor dem Einschlafen – und ahmen wir den Mann nach.

Die Severinsgemeinschaft wurde 1959 gegründet, hat ihren Sitz in Heiligenstadt bei Wien und dient dem Ziel, den Hl. Severin in unserer Zeit bekannt zu machen und seine Verehrung zu pflegen.

Kontakt: severinsgemeinschaft@aon.at

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Lesereise zu Büchners 200. Geburtstag und TV-Auftritt

Ab Donnerstag darf ich als Gast der Goethe-Institute Nancy und Strassburg eine Lesereise mit meiner "Lena in Waldersbach" machen. Eine Klasse hat mir vorab bereits ein recht cooles Bild geschickt, das ich meinen Lesern nicht vorenthalten will...

 


Einige kleine Höhepunkte sind eine Lesung am morgigen 17. Oktober, dem 200. Geburtstag Georg Büchners, in Nancy, und eine Lesung am 18. in Strassburg, woran sich ein erster Besuch in Waldersbach in den Vogesen anschließen wird, den Schauplatz meines Romans. Dort werde ich das echte, nicht das fiktive, Pastorenehepaar treffen und ihnen endlich ein signiertes Exemplar überreichen.

Ein wenig fürchte ich mich vor Waldersbach; ich habe jetzt fast zwei Jahre im fiktiven Dorf gewohnt, so dass mir das echte weniger vertraut als vor allem fremd sein wird.

Und sollte wer "Habsburg in Ton und Bild" sehen wollen: gestern abend war ich zu Gast in der ORF III-Sendung "ErLesen" und habe über mein Buch, Bischof Küng, die Habsburger, das Alltagsleben in einer kinderreichen Familie und ähnliches geplaudert.

http://tvthek.orf.at/programs/3078549-Erlesen/episodes/6906563-erLesen

"Meine" Passage beginnt etwa ab Minute 18. Ich hatte jede Menge Spaß.

Montag, 14. Oktober 2013

Der Blog erwacht aus dem Sommerschlaf

Nach vielen Monaten Brachliegen regt sich in der Habichtsburg wieder Leben. Die acht Folgen der Servus-TV-Serie "Wo Grafen Schlafen" (Ausstrahlung voraussichtlich Anfang 2014) sind abgedreht, und nach einem chaotischen Dreiverteljahr bin ich wieder Vollzeit-Medienreferent für den Bischof von St. Pölten.

Die letzte Folge in Burg Clam hatte den besonderen Reiz, dass ich im Ritterkostüm Rudolfs von Habsburg (ca. Dürnkrut 1278) einige Stunden verbringen und drehen durfte.


Natürlich hat meine Arbeit für die kirchlichen Medien nicht geruht, wie meine Twitter-Follower wohl auch mitbekommen haben. Die Wahl von Franziskus habe ich auf sehr originelle Weise erfahren. Ich drehte gerate in Schloss Birstein in Deutschland. Als "weisser Rauch" verkündet wurde, war ich mitten in einer Szene. Ich musste diese noch in aaaaller Ruhe zuende drehen und habe den Balkonauftritt des Papstes auf einem Ipad einer der Schlossherren gesehen (und sofort mit dem Bischof die ersten Statements über Handy-Email vorbereitet).

Interessant waren diese 8 Monate auch, weil ich immer ganze Wochen lang auf Drehs mit den Filmleuten zusammenkam, meistens Menschen, die mit der Kirche gar nichts am Hut haben, und bemerkte, was für eine starke Wirkung Papst Franziskus auf alle ausübt. Viele sagten mir, "ich geh ja nicht in die Kirche, aber bei dem Papst könnte ich mir vorstellen, wieder anzufangen."

Jedenfalls werde ich mich von nun an auf Habichtsburg öfters melden.

In diesem Sinne. Ultreia.