Donnerstag, 4. Oktober 2012

Leeres Grab oder Jesus-Skelett?


Von Vittorio Messoris "Gelitten unter Pontius Pilatus" (1992) habe ich an anderer Stelle bereits berichtet. Dieses Buch ist für mich eine geschätzte jährliche Lektüre, um mich der historischen Wahrheit der Leidensgeschichte Jesu zu vergewissern - und der vielen fesselnden Details, die uns die moderne Forschung enthüllt hat. Ein sachliches, ruhiges Gegenmittel gegen all jene Tendenzen, die uns einzureden versuchen, dass das alles im Neuen Testament natürlich leider nicht stimmt. Nun endete der erste, voluminöse Teil auf Golgotha. Doch Messori hatte immer einen zweiten Teil angekündigt - über die Auferstehung. Im Jahr 2000 war es dann soweit, und "Dicono che e risorto. Un' indagine sul sepolcro vuoto." (etwa: "Sie sagen, dass er auferstanden ist. Eine Untersuchung zum leeren Grab") erschien. Schlanker, und leider bisher nur auf italienisch. Da ich es jetzt erst ganz gelesen habe, eine um zwölf Jahre verspätete Rezension.


Messori hat einen demütigen, ruhig kreisenden Stil. Hier findet sich keine polemische Apologetik, sondern er nimmt sich der Reihe nach die die Ereignisse rund um die Auferstehung vor, analysiert den Wortlaut der Evangelien präzise, zeigt beispielsweise, wie "unklug" es gewesen wäre, ausgerechnet Frauen als erste Zeugen zu wählen, wenn man denn die Evangelien "erfunden" hätte; geht der alten Polemik nach dem leeren Grab nach, nämlich ob der Fund des Skeletts Jesu einen Unterschied machen würde; klopft die angeblichen Widersprüche der Texte untereinander sowie andere Einwände gegen die Wahrheit der Berichte ab; und kommt schließlich zum erwarteten Schluss. Natürlich ist die Auferstehung als historisches Ereignis nicht beweisbar, das sagt Messori selber an mehreren Stellen, aber er führt uns an die Schwelle des leap of faith heran. Er zeigt, dass es nicht unvernünftig ist, den Evangelien zu glauben in dem, was sie schreiben. Dabei läßt er nebenbei sehr ausführlich die Gegner der historischen Wahrheit zu Wort kommen, wie er das schon in seinem ersten Buch tat. Das ist manchmal sehr amüsant, hier erlaubt sich der Autor sich gelegentlich feine Spitzen.


Natürlich finde ich aus meiner Sicht ein paar kleine Schwächen. Nach einer sehr schönen Einleitung kommt gleich ein langes Kapitel über das heutige, zerrissene Leben und die Geschichte rund um die Grabeskirche in Jerusalem, das einen vielleicht ungeduldig machen kann (ein Journalist halt, der gerne erzählt). Weil "Risorto" aus einer Zeitschriftenserie entstanden ist, fasst Messori gerne am neuen Kapitelbeginn die drei letzten zusammen, das wird mit der Zeit irritierend, wenn es auch der Klarheit dient. Und in jenem Teil, wo er einer heissen Spur nachgeht und sich fragt, was genau Johannes im Grab gesehen haben kann, das ihn, anders als Petrus, schlagartig glauben ließ, schießt der Autor meiner Meinung nach (in seiner Analyse der griechischen Einzelwörter bei Johannes) über das Ziel hinaus, wenn er über den genauen Zustand der Linnen im Grab spekuliert. Das ist spannend, man lernt wieder, wie ungenau Bibelübersetzungen manchmal sind, aber Johannes hätte meines Erachtens auch einfach aus Gnade glauben können. 

Was jedoch der große, große Verdienst von "Dicono che e risorto" ist: man kommt wieder einmal darauf, dass nicht derjenige sich rechtfertigen muss, der glaubt, dass die Dinge ungefähr so abgelaufen sind, wie sie in den drei Synoptikern und Johannes beschrieben sind; sondern derjenige, der behauptet, dass ab dem Moment des Kreuzestodes plötzlich "alles nur noch symbolisch", "nicht mehr historisch", "reines Ereignis des Glaubens" gewesen sei. Derjenige muss sich fragen, ob er dem forschenden Historiker aus Objektivität in die Hand fällt - oder vielleicht, weil er nicht will, dass es wirklich passiert ist, weil das dann nämlich Konsequenzen für sein Leben hätte. Haben müsste.


Denn (meine Übersetzung, S. 82):


"Wenn Jesus nicht auferstanden ist, kann man nicht mehr an ihn als Retter glauben; dann kann man ihn nur noch als Meister verehren. Man kann ihn sich ins Gedächtnis rufen, aber nicht anrufen. Man kann über ihn reden, aber nicht mit ihm; man kann seiner gedenken, aber nicht ihm zuhören. Wenn er nicht auferstanden ist, sind es die Christen, die ihn aufleben lassen; nicht er, der ihnen das Leben schenkt."  (kursive Stellen im Original)

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1 Kommentar:

  1. Vor einiger Zeit hat in unserer Pfarre ein zuerst-ja-dann-nicht-mehr-dann-doch-wieder-Priester zu dem Thema einen Vortrag gehalten, welcher viele verstört hat. Originalzitat: "Jesu Leiche ist im Grab vermodert".
    Persönlich bin ich überzeugt, dass Glaube Entscheidungssache ist. Hat man sich dafür entschieden, braucht´s keine Beweise. Will man nicht glauben, können die schlagkräftigsten Beweise nicht überzeugen.

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