Dienstag, 23. Oktober 2012

Magenbitter für die Konsumgesellschaft

Es gibt Texte, die sind immer aktuell. Vor tausenden Jahren und heute. Weil sie an das Wesentliche im Menschen rühren. Doch zu einer Zeit der völligen Geschichtsvergessenheit, wo alles scheinbar völlig neu erfunden wird und alles von früher vernachlässigbar ist, genau zu so einem Moment sind Sätze wie die folgenden unendlich wichtig:

" Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues - aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden."(1, 9-11)

Man muss sich diese Worte des Buches Kohelet aus der Bibel wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Sie sind die ultimative Medizin gegen den "Medien-Rush", der uns derzeit so mächtig mitreisst. Eine Pflichtlektüre, wenn Facebooktwitterandroidetc. uns vorgaukeln, die einzige Nabelschnur zur Realität zu sein. Die kritischen Gedanken stammen aus einer Zeit mehrere hundert Jahre vor Christi Geburt. Auch damals scheint man nach dem Motto "alles neu!" verfahren zu sein, die Begeisterung über die letzten Errungenschaften war ansteckend. Daraufhin macht sich der Autor, der sich selbst als König von Israel bezeichnet, auf den Weg, um sich anzusehen, wie das mit dem Menschen so ist. Und was wirklich bestehen kann. Hier seine Erkenntnisse:

"Ich beobachtete alle Taten, die unter der Sonne getan wurden. Das Ergebnis: Das ist alles Windhauch und Luftgespinst." Alles vergänglich, unzuverlässig, heute hier und morgen weg. Mit dem Genuß, der im 21. Jh. die zentrale Lebensfunktion zu sein scheint, hat Kohelet wenig Geduld: "Ich dachte mir: Auf, versuch es mit der Freude, genieß das Glück! (...) Ich wollte dabei beobachten, wo es vielleicht für die einzelnen Menschen möglich ist, sich unter dem Himmel Glück zu verschaffen während der wenigen Tage ihres Lebens." Aber natürlich ist sein Schluss auch hier: "Auch das ist Windhauch."

All diese und noch mehr Erkenntnisse führen Kohelet in eine tiefe Sinnkrise, er kommt durch Nachdenken und Beobachten dann doch zu einigen Regeln, die einen durch das Leben führen können, er hinterfragt aber auch angeblich gültige Lebensweisheiten sehr kritisch... und doch durchweht alles ein harter Pessimismus, der schließlich halbwegs versöhnlich in der finalen Aufforderung mündet, Gottes Geboten zu folgen, das sei zumindest einigermaßen sicher.

In kleinen Schlücken wie ein Magenbitter genossen, ist Kohelet ein wichtiges Korrektiv, in seiner Knappheit twittertauglich und wirklich unendlich lesenswert. Sogar und besonders für Atheisten, Freidenker und sonstige Skeptiker.

Zum Beispiel in dieser Onlineausgabe oder in der guten alten Bibel im Regal.


Montag, 15. Oktober 2012

Ein Sprung wie Red Bull

Die Aufregung hat sich gelegt, die Twitter-Timelines sind nur noch zu 30% mit #stratos- Hashtags gefüllt. Felix Baumgartner hat seinen Sprung geschafft, alles ist gutgegangen. Und eine Weltöffentlichkeit, die irgendwie mehr oder weniger seit Tagen in einem Hype war, kann sich zurücklehnen und ein wenig darüber nachdenken, was von dem 6 Minuten-Sprung bleibt.

Die Sache hatte was vom Energydrink: lifestylig, aufputschend, ohne irgendeinen Nährwert; man hatte kurz das Gefühl, an "irgendwas Großem teilzunehmen", und dann war es vorbei. Felix Baumgartners 40-km-Sprung steht wie selten ein Großevent für unsere Zeit: der Hochglanz-Traum eines Einzelnen, eine Individuums wird mit großer Werbemaschinerie möglich gemacht, mit großem finanziellen Aufwand realisiert. Und die Welt schaut zu und twittert bis die Tasten glühen, hat Herzklopfen, irgendwie auch, weil die Möglichkeit einer Katastrophe immer im Raum gestanden ist - oder war das nicht eher Kalkül? Denn hätte Red Bull es allen Ernstes riskiert, ein Projekt finanziell zu unterstützen, bei dessen live ausgestrahltem Verlauf das Risiko da war, von jetzt an "Dead Bull" zu heißen?

Wenig nahrhaft war es zudem - wieviel praktischen Nutzen wird die Erkenntnis für die Menschheit haben, dass man auch 19 km höher aussteigen und runterhupfen kann? Die Mondlandung, das hatte noch irgendwie Sinn gemacht, wenn auch weniger, als man damals dachte; aber Baumgartners Sprung? Dafür hat man, so hörte ich, 40 Mio Euro investiert- und gigantische Werbung für den Roten Bullen aus Salzburg geschaffen.

Ich will kein Miesepeter sein: Natürlich, der Blick zwischen Baumgartners Beinen nach unten, das war spektakulär und weckte alte Sprungbrett-Ängste im Hallenbad, nur in einer neuen Dimension; cool war es irgendwie schon.

Cool, aber nicht mehr.

Dafür dürfen wir uns jetzt fragen: wie toppen wir das nächstes Jahr? Sprung in Lendenschurz? OHNE Fallschirm? Vom MOND?

Es wird uns schon was einfallen.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Zum Konzilsjubiläum: Lesebrille „Geist des Konzils“


Kennen Sie das? Sie lesen wieder einmal die Konzilstexte – und sind verunsichert. Da sind viele Passagen, die einfach zu traditionell klingen. Was sollen Sie tun? Ignorieren? Überspringen?


Jetzt gibt es eine Lösung! Einige Jahre vergriffen – jetzt, aufgrund der großen Nachfrage wieder da – die Lesebrille „Geist des Konzils“!



Einfach aufsetzen – und schon verschwinden alle Stellen in den Konzilstexten, die nach Tradition miefen! Übrig bleiben diejenigen Zitate, die den Geist der Öffnung atmen. Keine Verwirrung mehr über anscheinend konservative Passagen – diese Lesebrille ermöglicht eine Lektüre, die wirklich nach vorne weist.


In den Modellen „Geist Moderat“ und „Geist Radikal“ (fügt in die leergewordenen Stellen zukunftsweisende theologische Texte der letzten fünfzig Jahre ein).


Merke: Konzilstexte lesen, schön und gut – aber nur mit der Lesebrille „Geist des Konzils“.

Sonntag, 7. Oktober 2012

Jahr des Glaubens - "who cares?"

Stell dir vor, es ist Jahr des Glaubens, und keiner geht hin. Den Eindruck hatte man nach der Pressekonferenz am Stephansplatz letzte Woche, wo Kardinal Schönborn den Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe zum "Jahr des Glaubens 2012/ 2013" vorstellte - und die geplanten Aktionen zu diesem Ereignis. Diese Woche geht es ja los, am 11. Oktober, und das weltweit! Der Club Stephansplatz war zum Bersten voll mit Journalisten, die aber nur an einem interessiert waren - gibt es Krieg mit der Pfarrerinitiative? Wird es Frauenweihen geben? "Bewegt" sich die Kirche? Als all das nicht geschah, knipsten sie ihr Interesse ab - und berichteten anderntags über die vielen Dinge, die NICHT geschehen würden, und nicht über jene spannenden, die bevorstanden. (Ausser der "Presse", die lobenswerterweise im Detail die Kirchenaktionen vorstellte und sogar Links angab).  

Das war natürlich schade, aber in keiner Weise überraschend. Erstens hatte ein Gerücht im Vorfeld, der Brief würde pfarrerinitiativlastige Absätze enthalten, die Erwartungen falsch gelenkt. Zweitens gibt es da diesen Denk-Automatismus, den ich am Rande der Pressekonferenz auch mit einem Journalisten besprach: wenn die Kirche von "Glaubensvertiefung" redet, anstatt "endlich" Strukturveränderungen anzukündigen, dann ist das für die meisten Journalisten "Rückzug auf das Glaubensthema". Für viele Kirchenmänner- und frauen (und auch für den Papst) ist aber genau das Thema Glauben der Kern des Problems; wenn man sich in diesem Bereich um Vertiefung, um neue Ansätze bemüht, dann geht man der "Krankheit" auf den wahren Grund; die strukturellen Dinge zu verändern würde nur Symptome bekämpfen. Vielleicht vermitteln wir kirchliche Öffentlichkeitsarbeiter das manchmal nicht klar genug.

Und dann ist es ja überhaupt so, dass Kirchenthemen vor allem dann medial interessant sind, wenn sie mit etwas "Spannendem" verbunden sind. Also der Pfarrer, der paraglided. Weniger der Pfarrer, der über seinen Glauben spricht. In so eine Erwartungshaltung hinein kommt nun ein "Jahr des Glaubens", auf das (in den Worten einer Journalistin) "wirklich niemand gewartet hat".

Die Bischofskonferenz hat sich in einem lesenswerten Brief bemüht, der Welt zu erklären, was damit gemeint ist und welche Chancen das Jahr beinhalten kann - auf

http://www.bischofskonferenz.at/ 

als pdf herunterladbar. Es liegt an uns Gläubigen, im Alltag 365x ähnliches zu tun. Die Menschen einzuladen, diesen Glauben neu zu vertiefen oder tastend zu entdecken. Sich auf

http://www.jahrdesglaubens.at/ 

zu informieren, was gerade in ganz Österreich angeboten wird.

Oder konkret, z. B. bei uns in St. Pölten

http://jahrdesglaubens.dsp.at/.

Besondere Bitte an die Jüngeren unter uns: Glaubstdu.com ist eine ziemlich coole Social-Media-Aktion zum "Jahr des Glaubens". Der Videoclip sagt alles nötige. Bitte weiterverbreiten und mitmachen:


Stell dir vor, es ist Jahr des Glaubens - und ganz viele gehen hin??

Freitag, 5. Oktober 2012

Hoffnung für Bond?

Nicht alle Leser dieses Blogs sind sich vielleicht bewusst, dass der Autor ein Buch über James Bond geschrieben hat - "James Bond in 60 Minuten" (unter dem Namen Jonathan Byron - war Teil eines Serienkonzepts). Deswegen verfolgt er "all things Bond" immer mit Interesse.

Ursprünglich war ich nach "Quantum of Solace" ziemlich skeptisch, ob es gelingen würde, James Bond im neuen Film "Skyfall" noch einmal richtig darzustellen, wie mein Standard-Kommentar beweist. Doch inzwischen muss ich zugeben - der Trailer bemüht sich um klassischen Bond-Look von DB 5 bis zum türkischen Hochland, und der heute Nacht (auf den Tag zum 50. Jahrestag der Premiere von "Dr. No") veröffentlichte Titelsong von Adele schmeckt nach "Vintage-Bond". Er ist ein ziemlicher Volltreffer und zieht die klassischen Bond-Register, Monty Normans 007-Thema durchwebt alles, und Adele zieht die Vokale Shirley-Bassey-mäßig in die Länge... 



Also - vielleicht wird es ja doch noch was und SKYFALL reiht sich in die großen klassischen Bonds ein. Ich würde es Daniel Craig (und uns Fans) wünschen.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Leeres Grab oder Jesus-Skelett?


Von Vittorio Messoris "Gelitten unter Pontius Pilatus" (1992) habe ich an anderer Stelle bereits berichtet. Dieses Buch ist für mich eine geschätzte jährliche Lektüre, um mich der historischen Wahrheit der Leidensgeschichte Jesu zu vergewissern - und der vielen fesselnden Details, die uns die moderne Forschung enthüllt hat. Ein sachliches, ruhiges Gegenmittel gegen all jene Tendenzen, die uns einzureden versuchen, dass das alles im Neuen Testament natürlich leider nicht stimmt. Nun endete der erste, voluminöse Teil auf Golgotha. Doch Messori hatte immer einen zweiten Teil angekündigt - über die Auferstehung. Im Jahr 2000 war es dann soweit, und "Dicono che e risorto. Un' indagine sul sepolcro vuoto." (etwa: "Sie sagen, dass er auferstanden ist. Eine Untersuchung zum leeren Grab") erschien. Schlanker, und leider bisher nur auf italienisch. Da ich es jetzt erst ganz gelesen habe, eine um zwölf Jahre verspätete Rezension.


Messori hat einen demütigen, ruhig kreisenden Stil. Hier findet sich keine polemische Apologetik, sondern er nimmt sich der Reihe nach die die Ereignisse rund um die Auferstehung vor, analysiert den Wortlaut der Evangelien präzise, zeigt beispielsweise, wie "unklug" es gewesen wäre, ausgerechnet Frauen als erste Zeugen zu wählen, wenn man denn die Evangelien "erfunden" hätte; geht der alten Polemik nach dem leeren Grab nach, nämlich ob der Fund des Skeletts Jesu einen Unterschied machen würde; klopft die angeblichen Widersprüche der Texte untereinander sowie andere Einwände gegen die Wahrheit der Berichte ab; und kommt schließlich zum erwarteten Schluss. Natürlich ist die Auferstehung als historisches Ereignis nicht beweisbar, das sagt Messori selber an mehreren Stellen, aber er führt uns an die Schwelle des leap of faith heran. Er zeigt, dass es nicht unvernünftig ist, den Evangelien zu glauben in dem, was sie schreiben. Dabei läßt er nebenbei sehr ausführlich die Gegner der historischen Wahrheit zu Wort kommen, wie er das schon in seinem ersten Buch tat. Das ist manchmal sehr amüsant, hier erlaubt sich der Autor sich gelegentlich feine Spitzen.


Natürlich finde ich aus meiner Sicht ein paar kleine Schwächen. Nach einer sehr schönen Einleitung kommt gleich ein langes Kapitel über das heutige, zerrissene Leben und die Geschichte rund um die Grabeskirche in Jerusalem, das einen vielleicht ungeduldig machen kann (ein Journalist halt, der gerne erzählt). Weil "Risorto" aus einer Zeitschriftenserie entstanden ist, fasst Messori gerne am neuen Kapitelbeginn die drei letzten zusammen, das wird mit der Zeit irritierend, wenn es auch der Klarheit dient. Und in jenem Teil, wo er einer heissen Spur nachgeht und sich fragt, was genau Johannes im Grab gesehen haben kann, das ihn, anders als Petrus, schlagartig glauben ließ, schießt der Autor meiner Meinung nach (in seiner Analyse der griechischen Einzelwörter bei Johannes) über das Ziel hinaus, wenn er über den genauen Zustand der Linnen im Grab spekuliert. Das ist spannend, man lernt wieder, wie ungenau Bibelübersetzungen manchmal sind, aber Johannes hätte meines Erachtens auch einfach aus Gnade glauben können. 

Was jedoch der große, große Verdienst von "Dicono che e risorto" ist: man kommt wieder einmal darauf, dass nicht derjenige sich rechtfertigen muss, der glaubt, dass die Dinge ungefähr so abgelaufen sind, wie sie in den drei Synoptikern und Johannes beschrieben sind; sondern derjenige, der behauptet, dass ab dem Moment des Kreuzestodes plötzlich "alles nur noch symbolisch", "nicht mehr historisch", "reines Ereignis des Glaubens" gewesen sei. Derjenige muss sich fragen, ob er dem forschenden Historiker aus Objektivität in die Hand fällt - oder vielleicht, weil er nicht will, dass es wirklich passiert ist, weil das dann nämlich Konsequenzen für sein Leben hätte. Haben müsste.


Denn (meine Übersetzung, S. 82):


"Wenn Jesus nicht auferstanden ist, kann man nicht mehr an ihn als Retter glauben; dann kann man ihn nur noch als Meister verehren. Man kann ihn sich ins Gedächtnis rufen, aber nicht anrufen. Man kann über ihn reden, aber nicht mit ihm; man kann seiner gedenken, aber nicht ihm zuhören. Wenn er nicht auferstanden ist, sind es die Christen, die ihn aufleben lassen; nicht er, der ihnen das Leben schenkt."  (kursive Stellen im Original)

Bestellbar hier über amazon.de.

Montag, 1. Oktober 2012

Entschleunigen in Heiligenkreuz


Kehre soeben von dreieinhalb Tagen im Zisterzienserkloster Heiligenkreuz vor Wien zurück und bin (wieder einmal) "wie verwandelt" (sagt meine Frau), deshalb will ich das kurz teilen. Zwei Vorabbemerkungen: ich mache mir nicht viel aus gregorianischem Choral; "Chant" ist also nicht der Grund, warum ich hingehe; ich muss beruflich praktisch dauernd am Blackberry hängen; das hat schon mehr damit zu tun, warum das Einklinken in den uralten Rythmus der Zisterziensermönche für mich wie das Bad in einem kühlen ruhigen Bergsee ist. Das und die Menge an jungen Gesichtern unter den Mönchen; das und vor allem die unbeirrbare Treue.


Wenn ich nach Heiligenkreuz fahre, wohne ich in einem der Zimmer im Innenhof. Und verbringe meine Zeit unspektakulär. Ich habe etwas geistige Lektüre dabei; mehr als ein oder zwei Bücher schaffe ich zumeist eh nicht. Ich nehme am Chorgebet und der Messe teil, gehe spazieren, bete ab und zu den Kreuzweg, der ebenfalls direkt vor der Türe ist. Das ist es eigentlich schon.


Wenn man will, kann man jederzeit mit einem der Mönche sprechen und sich geistlich begleiten lassen. Vielleicht sollte man es damit aber nicht übertreiben; sondern ganz viel Zeit zum Schauen verwenden. Denn was am Stärksten wirkt, ist sicher die Ruhe, das Uralte, das Treue. Es gehört beispielsweise schon ein wenig Treue dazu, sich als Besucher zu allen gesungenen Chorgebeten in der riesigen Stiftskirche zu schleppen, die um viertel nach fünf mit der (langen) Vigil beginnen, dann eigentlich ohne Pause über die Laudes um sechs in die Messe um halb sieben münden, während draußen die Sonne aufgeht. Es lohnt sich dafür, das Stundenbuch von Heiligenkreuz im Klostershop zu kaufen, aber zur Not teilt der Gastmeister immer gerne ein paar Exemplare aus. Leider ist alles auf Latein ohne Übersetzung daneben. Das ist vielleicht die größte Hürde für Nicht-Lateiner. Ich bin aber auch kein Latein-Fetischist.


Und wenn man nach einem ruhigen Vormittag um zwölf zur Terz&Sext wiederkommt, sind wieder die selben Gesichter zu studieren und ihre kleinen Eigenheiten, und dasselbe nach dem hastigen Mittagessen um eins, wenn die Mönche singend aus dem Kreuzgang zur Non einziehen; und dann nach einem Nachmittag, während dessen man vielleicht an lauter andere Dinge dachte, ist es plötzlich sechs und Zeit zur Vesper und mit all den Gedanken im Kopf taucht man wieder in der Kirche auf und trifft dieselben Gestalten, vielleicht durch ein paar neue Gesichter ergänzt, die draussen in den Pfarren gearbeitet haben; und dann wieder zur stillen Komplet um kurz vor acht, die mit einem tief zu Herzen gehenden "Salve Regina" in fast völliger Dunkelheit endet. Und dann geht man schlafen und trifft wenige Stunden später um viertel nach fünf dieselben Mönche...


Da beginnt man zu ahnen, was es mit dieser Treue ist und überlegt ein wenig schaudernd, wie es wäre, das jeden Tag des Lebens zu machen. Ein Mönch sagte mir diesmal, es sei gar nicht wichtig für ihn, immer alles genau zu betrachten und zu verinnerlichen, was er da sänge, sondern dass er es treu tue und es somit Realität würde. Weil es Gott zustehe.


Dann wundert man sich nicht mehr ganz so über die -zig Berufungen zum Priesteramt, die jährlich in Heiligenkreuz dazukommen. Und über die Strahlkraft des Klosters in die ganze Welt hinaus. Während man bei all diesem Mitleben und Mitbeten nebenbei recht schnell entschleunigt - in meinem Fall von 170 auf 20 km/h. Bis man fast ganz ruhig ist. Natürlich nur, wenn man, wie ich diesmal, den Blackberry wirklich zu Hause gelassen hat (meine Frau musste ihn mir aus den Händen zerren).


Also - Menschen wir ich, gehetzt, gestresst und auf ungesunde Weise viel zu vernabelt mit den modernen Medien, zudem vielleicht mit gewissen Lateinkenntnissen, werden hier eine echte Oase finden.


Zwei Geheimtipps zum Ende. Wenn man den Schlüssel zum Zimmer hat, kann man auch zu jedem (erlaubten) Zeitpunkt in den stillen Kreuzgang mit seinem plätschernden Brunnen, seinem Kapitelsaal mit Babenberger-Grablege und seiner Marienstatue gehen und dort Zeit verbringen. Das ist für mich ein unglaublicher, uriger Ort, um einfach ganz langsam zu gehen und zum Beispiel einen Rosenkranz zu beten. Man muss nur den immer wieder durchströmenden Touristengruppen ausweichen, aber das geht wirklich ganz gut.


Und wenn man im Winter kommt und das Chorgebet nicht in der großen Kirche stattfindet, sondern in der kleinen Bernardikapelle, wo man (beinahe) Schulter an Schulter mit den Mönchen sitzt, dann ist man fünfmal am Tag, auch in nachtschlafender Finsternis, gezwungen, diesen Kreuzgang zu durchqueren.


Das ist wie ein Durchgang in eine andere Welt.


Mehr auf der Homepage des Stifts Heiligenkreuz.