Freitag, 31. August 2012

Georg Büchners Humor

Dies ist ein kleines Streiflicht aus meinem derzeitigen Georg-Büchner-Marathon, den ich, die wackere dtv klassik-Ausgabe in der Hand, in ruhigen Momenten restlos genieße. Denn ich liebe Georg Büchner. Sehr sogar. So sehr, dass von mir im nächsten Frühjahr ein büchnerianisches Romänchen erscheinen wird, im C. H. Beck Verlag. Ich halte ihn für ein wirkliches Genie, einen der wenigen deutschen Autoren, die mich schon als Schüler sprachlos machten (ist bei mir was besonderes). Und alle paar Jahre entdecke ich Georg B. neu und lese ihn anders.

Aber darum geht es heute nicht. Woran ich regelmäßig scheitere, ist sein Humor. Büchner ist für mich am besten, wenn er ernst ist, im Danton ebenso wie im Lenz. Über die Scherze im Woyzek kann ich meistens lachen, jedes Mal aber scheitere ich am Witz von Leonce und Lena, einer oft absätzelangen Aneinanderreihung von lahmen Wortspielen. SUPERlahmen Wortspielen, vor allem zwischen Leonce und Valerio. Jaja, ich weiß, das soll auch parodistisch sein, die Geistesergüsse der ewig gelangweilten Adligen etc; und natürlich, dahinter stehen so viele Zitate und verwendete und angespielte Quellen, dass einem schwindelig werden kann; 20 berühmte Autoren von Goethe und Chamisso über Kant bis Tieck und vor allem Shakespeare wurden mit mindestens doppelt so vielen Werken bisher identifiziert.

Geistreich, ja; witzig? Ein paar Kostproben gefällig?


Valerio: Himmel, man kömmt leichter zu seiner Erzeugung, als zu seiner Erziehung. Es ist traurig, in welche Umstände Einen andere Umstände versetzen können! Was für Wochen hab' ich erlebt, seit meine Mutter in die Wochen kam! Wieviel Gutes hab' ich empfangen, das ich meiner Empfängniß zu danken hätte?

Leonce Was deine Empfänglichkeit betrifft, so könnte sie es nicht besser treffen, um getroffen zu werden. Drück dich besser aus, oder du sollst den unangenehmsten Eindruck von meinem Nachdruck haben.

(...)

Leonce Mensch, du besitzest eine himmlische Unverschämtheit. Ich fühle ein gewisses Bedürfniß, mich in nähere Berührung mit ihr zu setzen. Ich habe eine große Passion dich zu prügeln.

Valerio Das ist eine schlagende Antwort und ein triftiger Beweis.

Leonce (geht auf ihn los) Oder du bist eine geschlagene Antwort. Denn du bekommst Prügel für deine Antwort.


Geschlagene Antwort? Hmmm. Oder hier:

Valerio: Und Sie Prinz, sind ein Buch ohne Buchstaben, mit nichts als Gedankenstrichen. Kommen Sie jetzt meine Herren! Es ist eine traurige Sache um das Wort kommen, will man ein Einkommen, so muß man stehlen, an ein Aufkommen ist nicht zu denken, als wenn man sich hängen läßt, ein Unterkommen findet man erst, wenn man begraben wird, und ein Auskommen hat man jeden Augenblick mit seinem Witz, wenn man nichts mehr zu sagen weiß, wie ich zum Beispiel eben, und Sie, ehe Sie noch etwas gesagt haben. Ihr Abkommen haben Sie gefunden und Ihr Fortkommen werden Sie jetzt zu suchen ersucht..

Argh! Ähnliche Schmuckstücke finden sich übrigens in Dantons Tod, OK, nur eines:

Weib. Ach, er ist sonst ein braver Mann, er kann nur nicht viel vertragen; der Schnaps stellt ihm gleich ein Bein.

Zweiter Bürger. Dann geht er mit dreien.

Weib. Nein, er fällt.

Zweiter Bürger. Richtig, erst geht er mit dreien, und dann fällt er auf das dritte, bis das dritte selbst wieder fällt.

Hä? Natürlich sind das Anspielungen der Zeit, aber leider für uns nicht witzig. Weiter hinten kommt dann die Stelle, die mich an Danton immer schon am meisten genervt hat, die erotisch-gebildete Geplänkelei ab Lacroix. Was ist der Unterschied zwischen dem antiken und einem modernen Adonis..? Aber lassen wir das.

Büchner konnte natürlich sehr komisch sein, auch für unsere Begriffe; seine Zeitgenossen fanden solche Wortspiele wie oben vermutlich phantastisch. Was seine Nachrufe erahnen lassen, wo immer wieder der "Witz und die Schärfe" von Leonce und Lena gepriesen werden. Und manche Leser dieses Blogs werden sich jetzt sicher immer noch vor Lachen am Boden rollen über die Zitate... vielleicht check ich's nur nicht?

Was ist also die Moral von der Geschicht'? Wieder können wir die Demut lernen: erst in der Lektüre von Klassikern erahnen wir, wie ähnlich uns der Mensch vor 200, 500, 1500 Jahren ist - und daß wir auch immer an Grenzen stoßen. Der Mensch, das animal risibile par Excellence, kann manchmal über die Witze seiner Vorfahren lachen - und manchmal gar nicht.

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