Samstag, 18. August 2012

Der große Riss


Schon der große Sokrates war in seiner Apologie der Meinung, dass die Jugend keine Kultur und Erziehung mehr habe und dass früher alles anders gewesen sei. Irgendwie besser. Vermutlich gehört es einfach zum Menschsein dazu, dass wir ab einem gewissen Alter kopfschüttelnd um uns blicken und die Welt nicht mehr begreifen. Das war wohl immer schon so, in jeder Generation.

Nur, dass dieses Alter bei mir schon mit 45 kommt, wundert mich doch.

Und trotzdem glaube ich, dass heute wirklich alles anders ist. Ehrlich. Sicher, es gab immer wieder mal Zeiten, wo die Geschichte von 30 km/h auf zuckelnder Landstrasse in den 5. Gang auf der Autobahn geschaltet hat, dass es den Zeitgenossen nachgerade schwindelig geworden ist  - sehr schön nachzulesen in Texten aus dem frühen 19. Jahrhundert, zwischen der Einführung der Eisenbahn und der industriellen Revolution. Aber so wie heute war es, glaube ich, noch nie. Zumindest in unserer westlichen Welt. Was das schwindelerregende Tempo, die mediale Dauerbeschallung mit dem Menschen anstellt, das werden wir vielleicht erst in ein paar Jahrzehnten ermessen können. Aber da sind noch andere Zeichen.

Ich finde nichts peinlicher, als mit Nostalgie zu erzählen, wie die Welt vor 1980 aussah, aber eine Geschichte zum Tempo muss ich doch loswerden. Ich las als Schüler einmal in der "Bild", dass es in Indonesien noch Drachen gäbe, die sogar zuweilen Menschen fräßen. Und wollte natürlich mehr wissen. Wo hätte ich damals, das war in den sehr frühen 80ern, als Schüler was erfahren können? Anrufen bei der "Bild" war undenkbar, in eine Bibliothek kam man nur mit einem Ausweis rein, und das waren fremde und unheimliche Orte, wo einem keiner half. Da fiel meiner Mutter ein, dass ich einen Onkel hatte, der als Missionar nach Indonesien gegangen war. Dem schrieb ich einen Brief. Nach Monaten kam eine Antwort vor ihm, mit exotischen Briefmarken und auf blauem Papier maschinengeschrieben. Der erklärte mir dann sehr kompetent die Sache mit den Komodowaranen.

Heute wäre das eine Sache von wenigen Sekunden. Google - Drachen - Indonesien - und schon hätte ich den Wikipedia-Artikel über die Warane und Links auf Videos derselben beim Fressen. Und Links zu den beiden Horrorfilmen über solche Warane wären gleich darunter.

Nun wird man erwidern: aber das ist ja toll. Totale Information bedeutet totale Freiheit, reduziert die Manipulierbarkeit. Sicher. Sicher. Aber es trägt auch dazu bei, den Riss zu vergrößern.

Ein Bild: ich glaube, dass sich um 1968 ein Riss aufgetan hat, der sich seitdem wie eine tiefe Erdspalte an einer Verwerfungslinie immer weiter öffnet und die gegenüberliegende Klippe, die Menschheitsgeschichte der letzten 100.000 Jahre bis 1968, immer mehr im fernen und uninteressanten Nebel verschwinden lässt. Der Mensch, so fühlt es sich an, ist endlich erwachsen geworden. Hat seine Kindheit hinter sich gelassen. Vor 1968, ja vor jetzt, das ist in der Wahrnehmung der Menschen von heute eigentlich alles finsteres Mittelalter. Ohne Bedeutung für uns. Da gab es keine Handys, kein Internet, keine Reisefreiheit, da waren Frauen Hausmütterchen, alle hatten zehn Kinder und die Menschen waren abergläubisch und schlichtweg dumm

Was zählt, ist das Jetzt, der Konsum, der Alltag. Dem Gestern wendet man total die Schultern zu.

Auweh, klingt das aber reaktionär. Früher war alles besser? Kann ich dieses Altherrengejammere irgendwie festmachen? Ja, aber nur vage. Wie ich schon anderswo sagte: In der Schule liest man in Deutsch kaum noch Klassiker (ausser jenen zeitlosen Werken, die nach 1945 geschrieben wurden). Man scheint zu glauben, alles davor sei für einen Menschen von heute schlichtweg unnötig, allerhöchstens nettes Beiwerk, ein Luxus. Latein, das früher jeder Schüler zumindest in Ansätzen lernte, gibt es schon gar nicht mehr, und damit auch die Möglichkeit nicht, eine Beziehung zum Denken von Menschen vor 2000 Jahren herzustellen, sich selbst in einer Kontuinuität mit anderen Epochen zu erkennen, oder eine Inschrift in einer Kirche oder an einem Triumphbogen selber lesen zu können.

Sicher gab es immer schon Phasen, wo die Menschen wenig an ihrer Vergangenheit interessiert waren, aber im Schulfach Geschichte kam es mir bereits in meiner Jugend so vor, als lerne man eigentlich kaum noch was und wenn, dann nur das die Zeit von 1933-1945. Heute scheint das noch bruchhafter zu sein. Wer aber nicht weiss, woher er kommt, der wird den Herausforderungen der Gegenwart schlechter gerüstet gegenübertreten, der wird die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Und es wird ihm an Demut mangeln. Deshalb fürchte ich mich vor einem Menschen, der ohne irgendwelche Wurzeln im Gestern und mit der Arroganz des Heute nur nach vorne schaut. Wenn das konservativ ist, dann stehe ich dazu.

Ein kleines, aber bestätigendes Symptom: heutige Kinogeher haben kein Interesse mehr, die "Klasssiker" ihres Genres zu kennen, zeigte ein cleverer Artikel der L. A. Times vor wenigen Tagen. Es zählt nur der gerade aktuelle Film, alles, was älter als drei Wochen ist, ist von gestern. Mit Desintresse wird alles davor gestraft, und zwar nicht nur Fritz Lang oder Citizen Kane, nein, auch Spielberg und Der Pate und Scorsese etc. Das war vor wenigen Jahren noch anders. Es gehörte zur Passion, die Filmgeschichte gekannt zu haben...

Na? Naaa? Da? Sehen Sie die Symptome???

Schon gut, vielleicht war es ja in jeder Generation so. Und vielleicht sind meine Befürchtungen wahr und das alles ist von einer anderen Qualität, wirklich neu. Möglicherweise stimmt auch beides. Ich schließe mit einem Zitat des weit blickenden Gomez Davila, der einmal mit feinem Humor sinngemäß sagte: Die vornehmlichste Aufgabe der Historiker sei es, jede Generation darin zu bestärken, dass mit ihr die Weltgeschichte beginne.

Gegenwärtig gelingt ihnen das besonders gut.

Kommentare:

  1. Die Rede vom Riss ist sehr metaphysisch, und nicht nur Teil einer sich aufdrängenden Phänomenologie.

    Heidegger noch benutzte gern das Bild von der Furche. Im Humanismusbrief heißt es:
    Das Denken ist auf dem Abstieg in die Armut seines vorläufigen Wesens. Das Denken sammelt die Sprache in das einfache Sagen. Die Sprache ist so die Sprache des Seins, wie die Wolken die Wolken des Himmels sind. Das Denken legt mit seinem Sagen unscheinbare Furchen in die Sprache. Sie sind noch unscheinbarer als die Furchen, die der Landmann langsamen Schrittes durch das Feld zieht.

    Diese Zeiten scheinen vorbei zu sein, ebenso wie jene des "Gebirgs", des "Geklüfts des Seyns" oder jene der "großen Philosophien" (siehe das schöne Zitat aus den "Beiträgen zur Philosophie",S. 187, Nr. 99).

    Nur tut sich der Riss nicht erst 1968 auf. 1968 geschieht die Ratifizierung eines Risses, der schon mehr oder weniger verdeckt da ist, seit vielen Jahrzehnten. Die drei großen Katastrophen des Jahrhunderts (1. Weltkrieg, Nationalsozialismus, Kommunismus) haben ihn nicht provoziert, sondern zunächst verdeckt, so dass er sich schließlich umso gewaltvoller auftat. Darüber konnte man Bücher schreiben. Das neue Zeitalter der Vernetzung - ist es eine Folge oder die Antwort auf den Riss? Da das Netz ein Bild des Kircheseins ist, muss man daran gehen, das Netzzeitalter zu verkirchlichen, das heißt auf seinen Ursprung zurückzuführen.

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  2. Dieses Zentriertsein aufs Aktuelle und Jetzige fällt auch mir auf. Durch die Allverfügbarkeit der Informationen wird das Gehirn nicht mehr gefordert. Die Aufmerksamkeitsspanne ist gesunken. Es gibt Wissenschaftler, die das Internet deswegen äußert kritisch beäugen. Ich bin zwiegespalten. Einerseits bin ich dankbar, wenn ich bibliografische Daten zuckzuck beisammen habe, wenn ich wie gestern bei der Lektüre auf Göttibub stoße und schnell durch Twitter erfahre, daß damit Patensohn gemeint ist. Usw. Andererseits kämpfe ich mit manchen Büchern jetzt (was auch meinen 46 Jahren geschuldet sein mag) mehr als in jungen Jahren. Meine Konzentration ist durch 17 Jahren Internetbenutzung und das ständige Mäandern zerrüttet. Allerdings gibt es weit wichtigere Probleme wie Wirtschaftskrise, Klimawandel, Islamismus... Offensichtlich ist die Menschheit wider bessere Wissen und Könnnen nicht fähig, vernünftige Wege zu gehen. Dieses Gezerre um Atomausstieg, Eurokrise, Syrien etc. WENN wir mit Pauken und Trompeten untergehen sollten, dann haben wir es verdient und sollten es dann eher begrüßen und uns dareinschicken.

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