Dienstag, 3. Juli 2012

Klassiker sind von gestern

 

Bereits der große Sokrates (+400 v. Chr.) hat über die Unkultiviertheit der Jugend in seiner Zeit gejammert: Keine Bildung, keine Manieren, früher war alles besser. So nachzulesen in seiner Apologie. Und Michael Haneke sagte mir vor ca. zwei Monaten in einem Gespräch, er frage Jungregisseure immer, ob sie ihm einen Roman von Schiller oder Goethe nennen könnten, und ernte meistens Achselzucken. Das finde er schlimm. Dadurch gestärkt, wage ich es einfach, einen unendlich reaktionär klingenden Satz zu sagen: dass Kinder heutzutage in der Schule keine Klassiker mehr lesen, ist ebenso bezeichnend für unsere Zeit wie schrecklich.


Meine beiden ältesten Töchter haben bis Ende der 5. bzw. 6. Klasse (3 bzw. 2 Jahre vor der Matura) jede Menge „moderne Klassiker“ aus dem 20. Jahrhundert gelesen hatten,  gerne rund um das III. Reich, aber kein einziges  Buch, das vor dem Jahr 1930 geschrieben worden ist. Keinen Goethe, keinen Faust, keine Räuber, keinen Büchner. Das stimmt nicht ganz. Barockgedichte, ja, die wurden ausgiebig besprochen. Und bei der älteren kam mit fast 16, gegen Ende der 6. Klasse, Nathan der Weise - immerhin! Endlich ein echter Klassiker, ein Buch, das mir zwar die Fußnägel hochrollen lässt, aber das ist persönliche Abneigung.


Ich kann mir den Gedankengang schon vorstellen: Kids lesen eh nicht mehr, also lesen wir lieber was aktuelles, das mit ihren problems  zu tun hat, und keinen staubigen Schrott.  Die alten Schinken können sie immer noch als Erwachsene lesen. Aber das ist ein doppelter Trugschluss. Erstens können Kinder den meisten dieser „modernen Klassiker“ nichts abgewinnen, die sind ja ganz ehrlich nur für Erwachsene konsumierbar und ändern sich zudem jede Dekade. Und zweitens: Wer sich in seiner Schulzeit nicht mit den echten Klassikern plagen musste, der wird die Modernen nicht begreifen und vor allem später, wenn er groß ist, schwerer einen Zugang zurück zu den Großen unserer Literatur finden.


Wir haben damals jede Menge davon gelesen, wie ich an den zerblätternden, vollgekritzelten Reclamheften in meinem Regal erkennen kann: Goethes Faust (mit verteilten Rollen! Ich war in Grete verliebt) und Die Leiden des jungen Werther (damals unvermeidlich kombiniert mit Plenzdorfs Neuen Leiden des jungen W. und dazugehörigen Film, denn das war JUGENDLICH!!) , Büchners Dantons Tod (mit der Handkamera in der Französischen Revolution!), Woyczek und Leonce und Lena und Schillers Räuber, Kleists Michael Kohlhaas usw usf. Klar verstand ich vieles nicht, klar habe ich geflucht, aber manches fand ich saucool und liebe es bis heute.  Ich hatte das Gefühl, an etwas Großem teilzuhaben, und begriff unbewusst, dass alles, auch ich selber, in einer ganz großen Tradition stand, die zu kennen für meine Identität wichtig ist. Vor allem: Ich habe diese Werke in Deutsch gelesen, bevor ich die Autoren des 20. Jh. las – also Goethe vor Thomas Bernhard. So wie man vermutlich gegenständliches Zeichnen kennen sollte, bevor man sich abstrakter Kunst zuwendet, um zu begreifen, was sie überwindet;  und wie man die Rechtschreibregeln beherrschen sollte (argh. Das ist ein anderer Blogeintrag), bevor man in SMS und Blogs immer nur in kleinbuchstaben schreibt und auch die satzzeichen ignoriert weil die braucht man nicht und es ist eh cooler so.


So, genug gejammert, ich fühle mich mit meinen 45 inzwischen so alt wie Sokrates.


An die DeutschlehrerInnen, die meines Wissens recht viel Freiraum bei der Auswahl ihrer Lektüre haben; traut euch! Seid wahrhaft wild und revolutionär.


Lest Klassiker.

Kommentare:

  1. Bitte richtig: "Die Leiden des jungen Werthers", mit Genetiv-s auch beim Eigennamen, denn Goethe wusste das noch.

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  2. Nichts gegen den alten Sokrates! Der hat mit 70 noch manchen Jungspund in die Tasche gesteckt!
    Zu den "Klassikern" des 20. Jhd.: Volle Zustimmung! Die taugen größtenteils wirklich nichts, zumindest nicht als Ersatz für die richtigen Klassiker.

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  3. Trotz eines ziemlich abgebrühten Leselebens, in dem sich Klassiker und Modernes die Klinke in die Hand geben, mache ich immer noch verblüffende Erfahrungen. Ich war nämlich nie Dramenleser und sehe jetzt, wie frisch und lesbar die Klassiker diesbezüglich sind.

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