Freitag, 27. Juli 2012

"Legen Sie ihren lächerlichen Kinderglauben ab"

 Das heutige Tagesevangelium von der Brotvermehrung erinnerte mich an eine interessante Episode in meinem Studium. Ein Theologiestudent erzählte mir (Philosophiestudenten) eines Tages in Würzburg von seinem Professor. Als es um die Episode der Brotvermehrung ging, erläuterte dieser seinem Hörsaal erst ausgiebig, dass Jesus natürlich nur die Menschen dazu gebracht hätte, ihr mitgebrachtes Essen zu teilen, das sei eh das viel größere Wunder, und überhaupt sei das eine Erzählung in der Tradition des Märchens usw. Als der Student dann gegen Ende der Stunde schüchtern fragte, ob man nicht zumindest als Hypothese die Möglichkeit erwägen sollte, dass es ungefähr so passiert sei, wie es im Evangelium stehe, da brüllte ihn der Professor vor dem gesamten Hörsaal an:


"Legen Sie endlich Ihren lächerlichen Kinderglauben ab!"


Nach dieser Geschichte wurde mir einiges klarer. Zum Beispiel dieser spezielle Gesichtsausdruck bei einigen Priestern und Theologen, wenn ich sie als Kind oder Jugendlicher nach der Wahrheit von Begebenheiten aus dem Evangelium fragte. Es war wohl eine Mischung aus verschiedensten Gedanken. "Oh, wenn du wüßtest, was ich weiß, der ich Theologie studiert habe" mischte sich mit "Oh, wäre das schön, wenn man wieder einfach so kindlich glauben könnte, aber es stimmt ja leider alles gar nicht" mischte sich mit "Er hat einen simplen Glauben, also darf ich ihn ja nicht mit der Wahrheit überfordern." Was herauskam, war etwas Verkrampftes, durchsetzt mit Traurigkeit.


Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich werfe niemandem vor, dass er nicht (mehr) an die Wunder im Neuen Testament glauben kann. Es ist im Jahr 2012 schwer geworden, an all das zu glauben, und noch mehr vermutlich, wenn man Theologie studiert hat. Nicht umsonst zeigen Umfragen unter Katholiken in Deutschland, dass nur ein knappes Viertel zum Beispiel an die Auferstehung Jesu glaubt. Und ich wette, dass die meisten gläubigen Menschen, auch wenn sie nicht Theologie studiert haben, zumindest 1-2 mal am Tag ein wenig Atheisten sind. Ich kenne das zumindest bei mir.


Ist es "lächerlicher" "Kinderglaube", darauf zu vertrauen, dass die Ereignisse des Lebens Jesu sich in etwa so abgespielt haben, wie das Neue Testament sie berichtet? Auch wenn es natürlich mehrere Ebenen der Interpretation gibt? Ich glaube nein. Aus drei Gründen:


Erstens kann ich mir schwer vorstellen, dass Gott (wenn wir an ihn glauben) seine Evangelisten so inspiriert hat, dass sie Texte verfasst haben, von denen erst nach knapp 1900 Jahren kluge Wissenschaftler entdecken, dass in vielen Fällen eigentlich das Gegenteil vom Wortlaut wahr ist. Und dass Gott zugelassen hätte, dass viele viele Generationen ahnungslos den Texten vertraut haben (diese Narren).


Zweitens lehrt uns die Kirche im II. Vatikanischen Konzil, dass "die vier genannten Evangelien, deren Geschichtlichkeit sie ohne Bedenken bejaht, zuverlässig überliefern, was Jesus, der Sohn Gottes, in seinem Leben unter den Menschen zu deren ewigem Heil wirklich getan und gelehrt hat bis zu dem Tag, da er aufgenommen wurde (vgl. Apg 1,1-2)." Das ist schon was, was man nicht einfach wegwischen kann.


Und drittens scheint die neuere Forschung immer mehr darauf hinzudeuten, dass wir den Evangelien wirklich trauen können, auch bei so "mythischen" Ereignissen wie den Wundern oder der Auferstehung Jesu. Es gibt da ein Buch, das für mich enorm wichtig wurde und das ich in jeder Fastenzeit als Vorbereitung auf Ostern verschlinge... aber das ist Thema für einen neuen Blogeintrag.

Dienstag, 24. Juli 2012

Pressekonferenz zur Plakatkampagne

 


War das ein Andrang! Lange hatte die ruhige Diözese St. Pölten nicht mehr so einen Pressauflauf bei einer PK, zwei Fernsehteams, Radio, Zeitungen, und alles für die Vorstellung der "Blockbuster"- Plakatkampagne "Der Auftrag". Es war aber auch eine spannende Angelegenheit, die attraktiven Plakate erregen seit Tagen Aufmerksamkeit in Niederösterreich, und von den "Poster-Boys&Girls" waren immerhin vier präsent.


Bischof Klaus Küng freute sich über das große Interesse und berichtete über Rückmeldungen aus Internet, Email, Facebook und Twitter (Ja! der Bischof hat Twitter gesagt!). Und der Betreiber dieses Blogs hatte großen Spaß beim Moderieren (dritter von links unten). Die tapferen "Kirchen-Models" berichteten von ihren Tätigkeiten für die Kirche, aber auch vom Geschminkt-Werden und den Plagen des Foto-Shoots.




Mehr über die PK unter: http://www.kirche.at/stpoelten/newsinfo.php?links=24072012142734
  

Sonntag, 22. Juli 2012

Ich glaub', ich bin im Kino!

 Seit einigen Tagen hängen sie in großen Teilen Niederösterreichs - die ungewöhnlichen Plakate mit der Auschrift "Der Auftrag". Sind sie für einen neuen Michael Bay-Film? Aber warum ist dann im Hintergrund eine Kirche? Und warum sind auf einem der beiden Bilder auf den ersten Blick mehrere Geistliche zu erkennen?






...das Rätsel wird gelöst unter http://derauftrag.dsp.at/

Mittwoch, 18. Juli 2012

Die furchtbare Angst vor konservativen Bischöfen

Die Spannung steigt: im Vorarlberg, in Salzburg, später in Graz stehen Bischofsernennungen an. Seit Monaten spekulieren Medien über die kommenden Kandidaten, keiner weiß wirklich etwas, weil die Ernennungsvorgänge schwerer zu durchschauen sind als das Muster in einem Teller Spaghetti, und die Theorien blühen. Namen werden gehandelt, und nur eines ist als Dogma gewiß: das Schlimmste, die absolute Apokalypse wäre ein konservativer Bischof, oder gar zwei oder drei. Ängstlich berichtet man über Kandidaten, und man beobachtet genau, ob sie in Interviews "der Papst" oder "der Heilige Vater" sagen.

Was meines Erachtens hinter diesen furchtbaren Ängsten steht, ist - neben unguten Erfahrungen der Vergangenheit - ein veraltetes Bischofsbild: das eines absolutistischen Herrschers, der, kaum an die Macht gekommen, mit einem irren Kichern alle Hebel umlegt und aus einer weltoffenen, modernen Diözese einen finsteren, reaktionären Ort macht, in dem geknechtete rosenkranzschwingende Kreaturen ängstlich durch die Gassen schleichen. Abgesehen davon, dass die Etiketten "konservativ" oder "liberal" genau das sind: nämlich Abziehbilder, die einem Menschen nie angemessen sein können - san ma si mal ehrlich: ein Bischof ist ein armes Schwein. Er muss versuchen, in einer mächtigen Umbruchszeit, in der die bisherige "Volkskirche" immer mehr bedroht scheint, einen riesigen Apparat, ein großes Territorium zusammenzuhalten. Jede seiner Handlungen lässt ihre Erschütterungen bis in die hintersten Enden der Diözese spüren und löst sofort Reaktionen aus, Anrufe, SMSe, Emails, Gespräche. Machen wir uns nichts vor: Ein Bischof, selbst einer der gefürchteten „konservativen“, kann seine Diözese, zumal in der Umbruchzeit, in der wir leben, nur mit den Menschen, mit den Angestellten führen, die er hat - und nicht an ihnen vorbei. Schreckensvisionen sind also zumeist übertrieben.
Im Übrigen taugen die Namen, die bisher als "konservative" Kandidaten gehandelt wurden, nicht zum reaktionären Kinderschreck im Sinne eines rotbehandschuhten Piusbischofs. Die meisten leben in der Welt von heute, haben Pfarren geführt oder in Dekanatskonferenzen gesessen, sind auf Facebook und vielleicht sogar auf Twitter und wissen um die Zerbrechlichkeit der Kirche. Keiner von ihnen wird mit eisernen Hand Ministrantinnen verbannen, Wortgottesdienste ersatzlos streichen und ein Regiment des Schreckens einführen. Nein, es ist so, dass alle diese armen Bischofs-Kandidaten, ob "konservativ" oder "liberal", nur ein Ziel haben: möglichst unter Gottes Führung, soweit man das als Mensch sagen kann, zu erraten, was die Kirche von morgen braucht, und in all dem Chaos des Bischofsalltags zu versuchen, behutsam die Weichen in diese Richtung zu stellen. Das ist schwer genug und elendes Stückwerk. Daher mein Appell: wenn sie denn ernannt sind, lassen wir die Etiketten in der Küchenschublade, versuchen wir, den Menschen in den Blick zu nehmen...  Und geben wir ihnen eine Chance.

Denn, wie Reinhard Mey zu singen pflegte, sind wir alle lauter arme kleine Würstchen.

Samstag, 14. Juli 2012

Das ganze Konzil annehmen

 (Aus: Die Tagespost, vom 10 Juli 2012, Nr. 82, S.7)


Zunächst ein peinliches Geständnis: Ich habe die Konzilstexte noch nie gelesen. Ich bin seit 45 Jahren katholisch und habe das geschafft, ohne je das Kleine Konzilskompendium, jenen 776-Seiten-Ziegel von Rahner/Vorgrimler in die Hand zu nehmen und die sechzehn Texte durchzustudieren. Als jedoch die strengen medialen Stimmen immer lauter wurden, die von der Piusbruderschaft die bedingungslose Annahme des gesamten Konzils ohne Abstriche forderten, bevor sie überhaupt die Schwelle der katholischen Kirche überschreiten dürfe, da wurde mir etwas mulmig. Ich selber wusste gar nicht, ob ich das ganze Konzil bedingungslos annahm. War ich jetzt 45 Jahre lang nicht katholisch gewesen, ohne es zu wissen? Musste ich selber in einen Dialog mit Rom eintreten?


Zudem kam der fünfzigste Jahrestag der Eröffnung des Konzils näher. Also holte ich den etwas verstaubten dicken Band aus dem Regal und begann zu lesen. Das erste, was mir auffiel, war, dass offenbar bereits die Herausgeber des Kompendiums das Konzil nicht bedingungslos annahmen. Rahner und Vorgrimler nehmen sich in Einleitungen und vor allem dem Nachwort über nach-konziliare Entwicklungen gerne das pontifikale Recht heraus, hier Konzilsdokumente in den Himmel zu heben und dort abzuwatschen. Letzteres zwar in höflich-wissenschaftlicher Form, aber oft nur mit mühsam unterdrückter Wut. Und da fiel mir auf einmal die interessante Formulierung einer ORF-Journalistin ein, die jüngst in einem Gespräch sinngemäß sagte, es gebe Teile der Konzilstexte, die seien eben „reingeschrieben worden, damit der Tradition Genüge getan sei"; diese dürfe man getrost überlesen und sich auf die Teile beschränken, die einen „Geist der Öffnung" atmeten. Wieder eine, die das Konzil nicht ganz annahm.


Dann, die Erleichterung: Die meisten Texte klangen ganz normal, eigentlich wie das, was. ich auch glaubte. Es würde mir wohl nicht allzu schwer fallen, das ganze Konzil anzunehmen. Da gab es etwa klare Bekenntnisse zum Priesterzölibat oder gegen die Verhütung... Moment, dachte ich. Hieß das jetzt, dass alle, die den Zölibat hinterfragten oder für die Pille waren, das Konzil nicht in seiner ganzen Fülle annahmen? Und - war ihnen das überhaupt bewusst?


Was mich beim Lesen stellenweise ein wenig störte, aber das mag an der kurzen Aufmerksamkeitsspanne eines Twitter- und SMS-Benutzers liegen: Texte wie „Gaudium et spes" mit ihrer freudigen Umarmung der Welt und der Moderne enthalten sehr viel, Verzeihung, Geschwurbele. Schönreden. One-World-Romantik der sechziger Jahre. Wenn ich ganze Kapitel überspringen kann, ohne irgendetwas wirklich Wesentliches zu verpassen, dann macht mich das nervös. Ich bin absolut nicht sicher, ob ich ganz hinter allen Teilen zum Beispiel dieses Dokumentes stehe. Heißt das jetzt, dass ich das Konzil nicht ganz annehme?
Ich bin noch mitten im Lesen, schon jetzt stellen sich viele Fragen. Das ist gut so. Und was ist mit Ihnen? Wann haben Sie die Konzilstexte das letzte Mal ganz gelesen? Wenn dieser Kommentar Sie verunsichert hat, wäre das jetzt vermutlich ein guter Moment, das Kompendium mal wieder aus dem Regal zu nehmen. Es lohnt sich.

Samstag, 7. Juli 2012

Spoiler!


 
SPOILER!

Manchmal können die seriösen Disziplinen etwas vom Internet lernen. Und das ist ganz besonders der Fall im Bereich der Spoiler, d. h. des Verratens von Informationen, zumeist über einen Film, bei deren vorzeitiger Kenntnis der Film nicht mehr (ganz) genossen werden kann. Es gibt eben Filme, da hängt sehr viel von der Spannung und dem Genuß im Kino davon ab, ob man im Vornerein weiß oder nicht, daß der Protagonist nach der Hälfte stirbt, in
Wirklichkeit ein Geist oder eine Frau ist. Das Internet geht sehr streng mit Spoiler-Verrätern um , bannt sie sogar von Diskussionsforen - oder umgeht das Problem, indem es sich in Spoiler- und Spoilerfree-Foren einteilt. Wer erstere betritt, muß damit rechnen, daß darin über alles diskutiert wird -
auch und gerade über schockierende Wendungen oder "Twists". Oder wenn ein Rezensent eine Schlüsselentwicklung dieser Art verrät, hat er den Anstand, vorzuwarnen, also etwa (fiktives Beispiel): "Gegen Ende von Für eine Handvoll Dollar wird der Film auf den Kopf gestellt, als wir erfahren, dass der von Eastwood dargestellte Mann ohne Namen...

SPOILER!

...In Wirklichkeit eine Frau ist!

SPOILER ENDE!"

So kann jeder die Passage überspringen und dennoch die Rezension genießen.

Ich persönlich hätte niemals A BEAUTIFUL MIND, SHUTTER ISLAND oder INCEPTION sehen wollen, wenn ich im Vorneherein gewußt hätte, was der Twist des Films ist,
über den man nachher stundenlang mit Freunden diskutieren kann. Und nein, keiner dieser drei letztgenannten Filme kommt in den vorher aufgezählten Spoilern  vor - ich versuche gewissermaßen, diesen Artikel
spoilerfree zu halten.

IN ZEITUNGEN...

Wer sich aber leider oft über die Spoiler-regeln erhaben fühlt, das sind die seriöseren Wissenschaften. Das sind einerseits die Filmrezensenten der Zeitungen hierzulande, zu denen es sich
noch nicht herumgesprochen hat, daß eine gute Rezension auf den Film gespannt machen soll, ohne wesentliche Twists oder gar das Ende einfach in einem gelangweilten Nebensatz zu verraten. Das macht man einfach nicht. Ich habe persönlich einer Rezensentin einer Zeitung geschrieben, um mich über Spoiler bei einem von ihr rezensierten Film zu beschweren - sie hatte die Schicksale aller Hauptfiguren (wer lebt, wer kommt wann um) sowie das Ende des Filmes verraten. Zurück kam mildes Unverständnis und die Frage, was man denn bei einem solchen Action-Film sonst beschreiben könne...Wie gesagt, im ach so verachteten Internet ist es zur hohen Kunst avanciert, spannende, unterhaltende Rezensionen zu schreiben, die nichts verraten. Das zeugt von einer Liebe zum Film und einem hohen Respekt vor der Community. Ich vermute insgeheim, die Dame fand den Film kindisch und weit unter ihrem Niveau, da war so ein kleines Hoppala ganz in Ordnung. Kleiner Nachtrag: die erwähnte Rezensentin schaffte es drei Wochen später, einen weiteren Film zu "spoilen". Und ich war blöd genug, die Rezension zu lesen. Eigentlich sollten Filmverleiher gegen spoilerträchtige Rezensenten vorgehen, sie kosten die Häuser sicher einige Zuschauer.

...UND BÜCHERN...

Wer sich aber über diese Regeln vollkommen erhaben fühlt, das sind Verlage und Literaturwissenschaftler, speziell im Klappentext oder im Vorwort von Klassikern. Natürlich kann man sagen - wer das Vorwort eines Buches vor dem Text liest, ist wirklich selber schuld. Hier werden alle wesentlichen Plot Points beiläufig im Detail diskutiert, als ob es nicht um eine spannende Geschichte, sondern um das Sezieren eines gestrandeten Walfisches ginge. Aber viele Erstleser fühlen sich durch das Wort "Vorwort" verpflichtet, dieses vor dem Buch zu lesen. Und dann ist der Lesegenuß getrübt. Daher, liebe Verlage - auch wenn es eine schöne Tradition ist, bringt doch das Vorwort als Nachwort, damit alle Leser frei in die Geschichte eintauchen können. Klassiker sind zwar leider literarisch wertvoll, sollten aber trotzdem die Chance bekommen, einfach nur als "gute Geschichte" erlebt zu werden wie von den Erstlesern über die Jahrhunderte.

Geradezu fahrlässig, weil heimtückisch sind die Klappentexte auf Klassikern. Da will man kurz eine Zusammenfassung überfliegen, um was es geht, und RATSCH - bekommt man den Ausgang der Geschichte oder eine entscheidende Wendung in die Fresse, ob man will oder nicht. Man kann das Buch jetzt noch lesen, aber 1/3 des Spaßes sind damit oft weg.

Daß wir uns nicht falsch verstehen - es gibt viele, allzuviele Klassiker, die weitgehend spannungsfrei ablaufen, darauf stolz sind und dafür auch noch gelobt werden. Wenn ich jemandem verriete, was, sagen wir, auf S. 756 des ersten Teils vom "Mann ohne Eigenschaften" passiert, ich traue mich zu wetten, dass er den Rest inklusive Band 2 bei gleichbleibenden Genuß lesen kann. Aber es gibt eben jede Menge Klassiker, da macht es einen erheblichen Unterschied, ob ich die Schlüsselmomente vor der Lektüre kenne oder nicht. (Wobei eine Bekannte mir neulich während der Lektüre von Musils Gigabuch versicherte, sie fände es "ungeheuer spannend". Vielleicht ist das Beispiel falsch gewählt).

Nun ein solches Klappentext-Beispiel. Den nächsten Absatz schreibe ich nur zögerlich, in der Furcht, jemand könne das Buch erraten und gewissermaßen unbewußt gespoilert werden. Aber ich muss den Fall schildern. Bei einem meiner Lieblingsbücher, einem unendlich feinfühlig gestrickten bürgerlichen Drama, las ich auf der Rückseite einer Ausgabe eine brutale Kurzzusammenfassung, bei der mir alle wesentlichen Plotpoints um die Ohren geschlagen wurden wie in einer "Schicksals"-Wochenzeitung. Die Affäre der Protagonistin, die da ausposaunt wurde, ist im Roman so unendlich zwischentönig angedeutet, dass man bis zum eigentlichen Auffliegen gegen Ende nie ganz sicher ist, ob sie überhaupt stattgefunden hat. Daraus speist sich ein Großteil der Spannung in der zweiten Romanhälfte.

So was ist einfach gemein. Ich nehme an, Hintergrund ist eine Mischung  von literarischer Abgebrühtheit, intellektuellem Snobismus und Erinnerungen an den Deutschunterricht: Klassiker sind wertvoll und sollen keinen Spaß machen. Sie gehören sozialhistorisch analysiert, sollen belehren, bilden, erbauen, man darf sich an der Sprache moralisch emporranken. Aber Spaß oder Spannung - ich bitte Sie! Dabei sind Klassiker oft Klassiker, weil sie von Generationen nächtelang, mit trockenen Gaumen, verschlungen wurden. Diese Chance sollte man jedem Buch geben - und zwar spoilerfrei.

Ich habe mich aufgerafft und an den rennomierten Verlag geschrieben und bekam auch eine halbwegs verständnisvolle Antwort. Wenn das mehr Menschen tun würden, könnten gewisse Unsitten sich von selber erledigen. Das beweist die hoffnungsvolle Erfahrung, die ich mit dem Reclam-Verlag machte. Vor drei Jahren schenkte mir jemand Tolstois "Herr und Knecht" in der schmalen gelben Reclam- Ausgabe. Wir erinnern uns - Herr und Knecht geraten gemeinsam in einen Schneesturm und werden in dieser Nacht an Grenzen geführt. Leider verriet der Klappentext den Ausgang der Geschichte. Und ein Großteil des Genusses liegt bei allen ethischen Dilemmas der Geschichte eben darin, dass man nicht weiß, ob? wer? die Nacht überleben wird oder nicht.

Also schrieb ich mein Brieflein an Reclam. Bekam gleich eine nette Antwort. Und dann kam eines Tages ein Kuvert, darin ein netter Brief und die neue Ausgabe von "Herr und Knecht" - mit einem spoilerfreien Klappentext.

Danke, Reclam! Nachmachen, andere Verlage!

Dienstag, 3. Juli 2012

Klassiker sind von gestern

 

Bereits der große Sokrates (+400 v. Chr.) hat über die Unkultiviertheit der Jugend in seiner Zeit gejammert: Keine Bildung, keine Manieren, früher war alles besser. So nachzulesen in seiner Apologie. Und Michael Haneke sagte mir vor ca. zwei Monaten in einem Gespräch, er frage Jungregisseure immer, ob sie ihm einen Roman von Schiller oder Goethe nennen könnten, und ernte meistens Achselzucken. Das finde er schlimm. Dadurch gestärkt, wage ich es einfach, einen unendlich reaktionär klingenden Satz zu sagen: dass Kinder heutzutage in der Schule keine Klassiker mehr lesen, ist ebenso bezeichnend für unsere Zeit wie schrecklich.


Meine beiden ältesten Töchter haben bis Ende der 5. bzw. 6. Klasse (3 bzw. 2 Jahre vor der Matura) jede Menge „moderne Klassiker“ aus dem 20. Jahrhundert gelesen hatten,  gerne rund um das III. Reich, aber kein einziges  Buch, das vor dem Jahr 1930 geschrieben worden ist. Keinen Goethe, keinen Faust, keine Räuber, keinen Büchner. Das stimmt nicht ganz. Barockgedichte, ja, die wurden ausgiebig besprochen. Und bei der älteren kam mit fast 16, gegen Ende der 6. Klasse, Nathan der Weise - immerhin! Endlich ein echter Klassiker, ein Buch, das mir zwar die Fußnägel hochrollen lässt, aber das ist persönliche Abneigung.


Ich kann mir den Gedankengang schon vorstellen: Kids lesen eh nicht mehr, also lesen wir lieber was aktuelles, das mit ihren problems  zu tun hat, und keinen staubigen Schrott.  Die alten Schinken können sie immer noch als Erwachsene lesen. Aber das ist ein doppelter Trugschluss. Erstens können Kinder den meisten dieser „modernen Klassiker“ nichts abgewinnen, die sind ja ganz ehrlich nur für Erwachsene konsumierbar und ändern sich zudem jede Dekade. Und zweitens: Wer sich in seiner Schulzeit nicht mit den echten Klassikern plagen musste, der wird die Modernen nicht begreifen und vor allem später, wenn er groß ist, schwerer einen Zugang zurück zu den Großen unserer Literatur finden.


Wir haben damals jede Menge davon gelesen, wie ich an den zerblätternden, vollgekritzelten Reclamheften in meinem Regal erkennen kann: Goethes Faust (mit verteilten Rollen! Ich war in Grete verliebt) und Die Leiden des jungen Werther (damals unvermeidlich kombiniert mit Plenzdorfs Neuen Leiden des jungen W. und dazugehörigen Film, denn das war JUGENDLICH!!) , Büchners Dantons Tod (mit der Handkamera in der Französischen Revolution!), Woyczek und Leonce und Lena und Schillers Räuber, Kleists Michael Kohlhaas usw usf. Klar verstand ich vieles nicht, klar habe ich geflucht, aber manches fand ich saucool und liebe es bis heute.  Ich hatte das Gefühl, an etwas Großem teilzuhaben, und begriff unbewusst, dass alles, auch ich selber, in einer ganz großen Tradition stand, die zu kennen für meine Identität wichtig ist. Vor allem: Ich habe diese Werke in Deutsch gelesen, bevor ich die Autoren des 20. Jh. las – also Goethe vor Thomas Bernhard. So wie man vermutlich gegenständliches Zeichnen kennen sollte, bevor man sich abstrakter Kunst zuwendet, um zu begreifen, was sie überwindet;  und wie man die Rechtschreibregeln beherrschen sollte (argh. Das ist ein anderer Blogeintrag), bevor man in SMS und Blogs immer nur in kleinbuchstaben schreibt und auch die satzzeichen ignoriert weil die braucht man nicht und es ist eh cooler so.


So, genug gejammert, ich fühle mich mit meinen 45 inzwischen so alt wie Sokrates.


An die DeutschlehrerInnen, die meines Wissens recht viel Freiraum bei der Auswahl ihrer Lektüre haben; traut euch! Seid wahrhaft wild und revolutionär.


Lest Klassiker.